D. Sein und Sollen


§ 57. Das Sollen als Gegensatz zum Sein, sobald das Sein sich als Idee bestimmt. Ausgestaltung und Vollendung des Gegensatzes. Die Wertphilosophie


Am Leitfaden unseres Schemas vorgestellt, geht diese Scheidung wieder in einer anderen Richtung. Die Scheidung Sein und Denken ist in der Richtung nach unten gezeichnet. Dies zeigt an, daß das Denken der tragende und bestimmende Grund des Seins wird. Die Zeichnung der Scheidung von Sein und Sollen geht dagegen nach oben. Damit ist folgendes angedeutet: Wie das Sein im Denken gegründet ist, so wird es durch das Sollen überhöht. Das will sagen: Das Sein ist nicht mehr das Maßgebende. Aber es ist doch Idee, Vorbild? Allein, die Ideen sind gerade wegen ihres Vorbildcharakters nicht mehr das Maßgebende. Denn als das, was Aussehen gibt und so selber in gewisser Weise seiend (ὄν) ist, verlangt die Idee als solches Seiendes ihrerseits die Bestimmung ihres Seins, d. h. wiederum ein Aussehen. Die Idee der Ideen, die höchste Idee, ist nach Platon die ἰδέα τοῦ ἀγαθοῦ, die Idee des Guten.

Das »Gute« meint hier nicht das moralisch Ordentliche, sondern das Wackere, das jenes leistet und leisten kann, was sich gehört. Das ἀγαθόν ist das Maßstäbliche als solches, das, was dem Sein allererst das Vermögen leiht, selbst als ἰδέα, als Vorbild zu wesen. Was solches Vermögen leiht, ist das erste Vermögende. Sofern nun aber die Ideen das Sein, οὐσία, ausmachen, steht die ἰδέα τοῦ ἀγαθοῦ, die höchste Idee, ἐπέκεινα τῆς οὐσίας, jenseits des Seins. So rückt das Sein selbst, und zwar nicht überhaupt, sondern als Idee in die Gegenstellung zu Anderem, und zwar zu solchem, worauf es selbst, das Sein, angewiesen bleibt. Die höchste Idee ist das Urbild der Vorbilder.

Es bedarf jetzt keiner weitläufigen Erörterungen, um noch eigens zu verdeutlichen, wie auch in dieser Scheidung das gegen das Sein Ausgeschiedene, das Sollen, nicht irgendsonstwoher