dem Sein zu- und angetragen wird. Das Sein selbst bringt, und zwar in der bestimmten Auslegung als Idee, den Bezug zum Vorbild-haften und Gesollten mit sich. In dem Maße, als das Sein selbst sich hinsichtlich seines Ideencharakters verfestigt, in dem gleichen Maße drängt es dazu, die damit geschehende Herabsetzung des Seins wieder wettzumachen. Aber das kann jetzt nur noch so gelingen, daß etwas über das Sein gesetzt wird, was das Sein stets noch nicht ist, aber jeweils sein soll.
Es galt hier nur, den Wesensursprung der Scheidung von Sein und Sollen oder, was im Grunde dasselbe ist, den geschichtlichen Anfang dieser Scheidung ins Licht zu stellen. Die Geschichte der Ausfaltung und Abwandlung dieser Scheidung ist hier nicht zu verfolgen. Nur ein Wesentliches sei noch genannt. Bei allen Bestimmungen des Seins und der genannten Scheidungen müssen wir eines im Blick behalten : Weil das Sein anfänglich φύσις ist, aufgehend-entbergendes Walten, legt es sich selber als εἶδος und ἰδέα dar. Die Auslegung beruht niemals ausschließlich und nie in erster Linie auf der Interpretation durch die Philosophie.
Deutlich wurde: Das Sollen tritt als Gegensatz zum Sein auf, sobald dieses sich als Idee bestimmt. Mit dieser Bestimmung gelangt das Denken als aussagender Logos (διαλέγεσθαι) in eine maßgebliche Rolle. Sobald daher dieses Denken als auf sich selbst gestellte Vernunft in der Neuzeit zur Herrschaft gelangt, bereitet sich die eigentliche Ausgestaltung der Scheidung von Sein und Sollen vor. Vollendet ist dieser Vorgang bei Kant. Für Kant ist das Seiende die Natur, d. h. das im mathematischphysikalischen Denken Bestimmbare und Bestimmte. Der Natur tritt, gleichfalls von der Vernunft und als Vernunft bestimmt, der kategorische Imperativ gegenüber. Kant nennt ihn vielfach ausdrücklich das Sollen, und zwar insofern, als der Imperativ auf das bloß Seiende im Sinne der triebhaften Natur bezogen wird. Fichte hat den Gegensatz von Sein und Sollen dann ausdrücklich und eigens zum Grundgerüst seines Systems gemacht. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gewinnt das Seiende