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Anhang

Die Vorlesung bleibt auf dem halben Wege stecken, nicht nur, weil sie in ihrer engen Fragestellung nicht zu Ende gebracht ist — vgl. Entwurf! vom Seinsverständnis zu Seinsgeschehnis! — sondern: weil sie im Grunde nicht aus der Fessel des Seinsverständnisses herauskommt. Und das gelingt nicht, weil die Frage — auch die Grundfrage nicht — keineswegs ins Wesentliche trägt, nämlich in die Wesung des Seins selbst.

Die Erörterung des Seinsbegriffes und seiner Geschichte ist wichtig — die Tatsache des Seinsverständnisses und seiner Tatsächlichkeit ist wichtig, aber alles nur, wenn die Seinsvergessenheit als eigentliches Geschehnis eröffnet wird und in diese Geschichte gestoßen, d. h. in die Entmachtung der φύσις, in das Ende der »Metaphysik«, in die Not der Notwendigkeit des anderen Anfangs als der Gründung des Da-seins.

Erste Fassung der Handschriftseiten 31-36
(Vgl. die Seiten 78 bis 90 des vorliegenden Drucktextes)

Wir entnehmen schon aus diesem Fragen mit Bezug auf den dreifachen Wortstamm des Wortes Seyn, daß die Redensart von der Leere des Wortes und seiner verdunstenden Bedeutung selbst reichlich leer und oberflächlich ist. Hinzu muß allerdings eigens vermerkt werden: Wir wollen nicht das Opfer einer falschen und spielerischen Überschätzung der Etymologie werden; wir sind nicht der Meinung, man könnte schnurstracks durch Rückgang auf die Grundbedeutung des Stammverbs nun das Wesen des Seyns im Ganzen hervorzaubern. Das ist auch dann unmöglich, wenn man die Feststellung der Urbedeutungen ganz nüchtern nimmt und bedenkt, daß ein ursprüngliches, anfängliches Sagen gleichsam in der Wortwerdung noch nicht notwendig das volle Wesen des Zum-Wort-Gebrachten erschöpfen muß und erschöpfen kann. Aber andererseits vermeiden wir auch jene ebenso übereilte Ablehnung der Etymologie, die mit dem Hinweis darauf arbeitet, daß ja doch die Grundbedeutungen


Martin Heidegger (GA 40) Einführung in die Metaphysik