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Anhang

in der Zeit, als er sein Hauptwerk »Wille zur Macht« vorbereitete und zum schärfsten Gegner Schopenhauers geworden war. Nietzsche sagt: »Urteil ist ein Glaube, daß etwas so und so ist, und nicht Erkenntnis« (n. 530). Im Urteilen wird etwas einem anderen etwas gleichgesetzt — dieses Gleichsetzen und Gleichmachen besagt: etwas Begegnendes einreihen in ein schon Vorhandenes, Festes. »Das Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten Materie in die Amöbe ist« (n. 501). »Der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht. Der Glaube, daß etwas so und so sei (das Wesen des Urteils) ist die Folge eines Willens, es soll soweit als möglich gleich sein.« Mit diesem Gleichsetzen bringen wir eine gewisse Stabilität in den ständigen Wechsel. »Daß wir in unserem Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben wir gemacht, daß die >wahre< Welt keine wandelbare und werdende, sondern eine >seiende< ist« (n. 507). Seiend heißt für Nietzsche ebenso wie für die Griechen: beharrend-stehend; und das Seyn ist nur die Perspektive des »ist« im Urteil — des gleichsetzenden zum Stehen-bringens. »Das Seyn« stammt aus der Logik. »Logik ist der Versuch, nach einem von uns gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu machen« (n. 516). »>Das Seiende< gehört zu unserer Optik« (n. 517). Hier ist das Seyn nur noch ein biologisch notwendiges Schema zur Lebenserhaltung und Steigerung, entsprungen der gleichmachenden Funktion des logischen Satzes.

Noch weiter geht in der, in gewisser Weise seit Aristoteles vorgezeichneten Richtung, das »Seyn« aus dem »ist« des Satzes zu bestimmen und d. h. schließlich zu vernichten, eine Denkrichtung, die sich um die Zeitschrift »Erkenntnis« gesammelt hat. Hier soll die bisherige Logik mit den Mitteln der Mathematik und des mathematischen Calculs allererst streng wissenschaftlich begründet und ausgebaut werden, um so dann eine »logisch korrekte« Sprache aufzubauen, in der die Sätze der Metaphysik, die alle Scheinsätze sind, künftig unmöglich werden. So ist eine Abhandlung in dieser Zeitschrift II (1931 f.),