VORBEREITENDER TEIL


VERSCHIEDENE WEISEN,
NACH DEM DING ZU FRAGEN



§ 1. Philosophisches und wissenschaftliches Fragen


Aus dem Umkreis der Grundfragen der Metaphysik stellen wir in dieser Vorlesung eine Frage auf. Sie lautet: »Was ist ein Ding?« Die Frage ist schon alt. Das stets Neue an ihr ist nur, daß sie immer wieder gefragt werden muß.

Über diese Frage »Was ist ein Ding?« könnte sogleich, bevor sie überhaupt recht gestellt ist, eine weitläufige Unterhaltung beginnen. In einer Hinsicht ist das auch berechtigt; denn die Philosophie ist jedesmal, wenn sie beginnt, in einer ungünstigen Lage. Nicht so die Wissenschaften; zu diesen gibt es aus dem alltäglichen Vorstellen und Meinen und Denken heraus immer einen unmittelbaren Übergang und Eingang. Nimmt man das alltägliche Vorstellen zum einzigen Maßstab aller Dinge, dann ist die Philosophie immer etwas Verrücktes. Diese Verrückung der denkerischen Haltung läßt sich nur in einem Ruck nachvollziehen. Wissenschaftliche Vorlesungen können dagegen unmittelbar mit der Darstellung ihres Gegenstandes beginnen. Die dabei gewählte Ebene des Fragens wird nicht wieder verlassen, wenn auch die Fragen verwickelter und schwieriger werden.

Dagegen vollzieht die Philosophie eine ständige Verrückung des Standortes und der Ebenen. Man weiß deshalb bei ihr oft lange nicht, wo einem der Kopf steht. Damit sich diese unvermeidliche und oft heilsame Verwirrung aber nicht übersteigert, bedarf es einer vorläufigen Besinnung auf das, was gefragt werden soll. Andererseits bringt dies die Gefahr mit sich, daß man weitläufig über die Philosophie redet, ohne in ihrem Sinne


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen page 1

GA 41