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§ 10. Geschichtlichkeit der Dingbestimmung

wissen, wie es dazu kam - daß z. B. die moderne Wissenschaft nur möglich wurde in einer aus der frühesten Leidenschaft des Fragens durchgeführten Auseinandersetzung mit dem antiken Wissen, seinen Begriffen und Grundsätzen. Wir brauchen davon nichts zu wissen und können meinen, wir seien so herrliche Menschen, daß es uns der Herr im Schlafe geben müsse.

Wir können aber auch von der Unumgänglichkeit eines Fragens überzeugt sein, das alles Bisherige an Tragweite, Tiefgang und Sicherheit noch übertreffen müsse, weil wir nur so dessen Herr werden, was sonst mit seiner Selbstverständlichkeit über uns hinwegrast.

Entscheidungen werden nicht entschieden durch Sprüche, sondern nur durch Arbeit. Wir entscheiden uns für das Fragen, für ein sehr umständliches und sehr langwieriges Fragen, das auf Jahrzehnte hinaus nur ein Fragen bleibt. Inzwischen können andere ihre Wahrheiten ruhig an den Mann bringen. Nietzsche hat auf seinen einsamen Gängen einmal den Satz niedergeschrieben:

»Ungeheure Selbstbesinnung: nicht als Individuum, sondern als Menschheit sich bewußt werden. Besinnen wir uns, denken wir zurück: gehen wir die kleinen und großen Wege!« (Wille zur Macht n. 585).

Wir gehen hier nur einen kleinen Weg, den kleinen Weg der kleinen Frage» Was ist ein Ding?« Es ergab sich: Die scheinbar selbstverständlichen Bestimmungen sind nicht »natürlich«. Die Antworten, die wir geben, sind schon in alter Zeit gefallen. Wenn wir anscheinend natürlich und unvoreingenommen nach dem Ding fragen, dann spricht schon in der Frage eine Vormeinung über die Dingheit des Dinges. Schon in der Art der Frage spricht die Geschichte. Wir sagten deshalb, die Frage sei eine geschichtliche. Darin liegt eine bestimmte Anweisung für unser Vorgehen, wenn wir die Frage mit hinreichendem Verständnis fragen wollen.

Was sollen wir tun, wenn die Frage eine geschichtliche ist?


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen

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