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Kants Weise nach dem Ding zu fragen

Sinnlichen, einer Logik des Sinnlichen, der αἴσθησις. Baumgarten nannte daher diese rationale Lehre von der αἴσθησις, die Logik der Sinnlichkeit: »Ästhetik«. Seitdem heißt -trotz der Gegenwehr Kants gegen diesen Gebrauch des Titels -die philosophische Lehre von der Kunst Ästhetik, ein Umstand, der mehr enthält als die bloße Angelegenheit eines Titels, eine Tatsache vielmehr, die nur aus der neuzeitlichen Metaphysik begriffen werden kann und die nicht nur für die Auslegung des Wesens der Kunst, sondern überhaupt für die Stellung der Kunst im Dasein des Zeitalters von Goethe, Schiller, Schelling und Hegel entscheidend wurde.

Kant selbst steht durch seinen Lehrer, den Wolffianer Martin Knutzen, in der Überlieferung der Leibniz-Wolffschen Schule. Alle seine Schriften vor der »Kritik der reinen Vernunft« bewegen sich im Fragebereich und in der Denkart der zeitgenössischen Schul-Philosophie, auch da, wo Kant schon streckenweise eigene Wege geht. Nur beiläufig sei erwähnt, daß Kant über die Schulüberlieferung hinaus unmittelbar in die Philosophie von Leibniz eindrang -soweit dies damals möglich war -daß er ebenso unmittelbar ein Durchdenken der englischen Philosophie, insbesondere Humes für die Ausgestaltung seines Fragens fruchtbar machte. Im Ganzen aber blieb die Schulphilosophie Leibniz-Wolffscher Prägung so beherrschend, daß Kant auch noch in der Zeit, als er den neuen Standort seiner Philosophie gewonnen hatte, also nach Erscheinen der »Kritik der reinen Vernunft« und der folgenden Werke, an dem Brauch festhielt, in den Vorlesungen die Handbücher der Schulphilosophie zugrunde zu legen und deren Texte fortlaufend von Paragraphen zu Paragraphen zu erläutern. Kant hat in seinen Vorlesungen niemals von seiner Philosophie gesprochen, wenngleich sich in der späteren Zeit beim Durchsprechen der Lehrbücher oder »Lesebücher«, wie man damals sagte, die neu gewonnene Denkart nicht völlig ausschalten ließ. Für seine Metaphysikvorlesung hat Kant das schon genannte Lehrbuch von Alexander Baumgarten zugrunde gelegt. Kant schätzte dieses Lehrbuch »vornehmlich


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen

GA 41