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§ 20. Rationale Metaphysik

die alte, und doch sagt der Begriff der Metaphysik kennzeichnenderweise unmittelbar davon nichts. Unmittelbar nicht -; die Definition sagt aber ebensowenig, der Gegenstand der Metaphysik sei die Erkenntnis als solche. Wir müssen nämlich diese Begriffsbestimmung so verstehen, daß cognitio humana nicht das menschliche Erkenntnisvermögen meint, sondern das vom Menschen aus reiner Vernunft Erkennbare und Erkannte. Dieses ist das Seiende. Dessen »Anfangsgründe« gilt es herauszustellen, d. h. die Grundbestimmungen seines Wesens, das Sein. Aber weshalb sagt die Begriffsbestimmung nicht einfach dies, so, wie es Aristoteles schon bestimmte: Ἔστιν ἐπιστήμη τις ἣ θεωρεῖ τὸ ὂν ᾗ ὂν καὶ τὰ τούτῳ ὑπάρχοντα καθ᾽ αὑτό. (Metaph. Γ, zu Beginn)

Warum ist jetzt die Rede vom Erkennbaren und der Erkenntnis? Weil jetzt, seit Descartes, das Erkenntnisvermögen, die reine Vernunft, eigens als dasjenige fest gemacht ist, an dessen Leitfaden die Bestimmungen über das Seiende, das Ding, in strenger Ausweisung und Begründung aufgestellt werden sollen. Das Mathematische ist jenes Galileische »mente concipere«; in der Aufsteigerung zur Metaphysik heißt es jetzt: Es gilt, aus dem Wesen der reinen Vernunfterkenntnis den für alles weiterhin Erkennbare maßgebenden Entwurf des Seins des Seienden zu setzen. Das geschieht zunächst in der metaphysischen Grunddisziplin, in der Ontologia; nach § 4 ist sie die scientia praedicatorum entis generaliorum; Kant (a. a. 0. S. 155 f.) übersetzt: »Wissenschaft von den allgemeineren Eigenschaften aller Dinge«. Wir ersehen hieraus einmal, daß der Begriff des Dinges sehr weit, so weit als möglich gefaßt wird. 91 »Ding« ist jegliches, was ein Seiendes ist; auch Gott, die Seele, die Welt gehören zu den Dingen. Wir ersehen weiter, daß die Dingheit der Dinge sich auf dem Grunde und am Leitfaden der Grundsätze der reinen Vernunft bestimmt. Als solche Grundsätze lernten wir kennen: den Ichsatz und den Widerspruchsatz und den Satz vom Grund. Damit stehen wir unmittelbar bei der Beantwortung der zweiten Frage.


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen

GA 41