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§ 27. Systematik der Grundsätze des reinen Verstandes

ε) Mathematische Grundsätze und oberster Grundsatz.
Kreisgang der Beweise

Nehmen wir jetzt beide Grundsätze in verkürzter Form zusammen, dann läßt sich sagen: Alle Erscheinungen sind als Anschauungen extensive, als Empfindungen intensive Größen: Quantitäten. Solche sind nur möglich in quanta. Alle quanta aber sind continua. Sie haben die Eigenschaft, daß an ihnen kein abhebbarer Teil jemals der kleinstmögliche ist. Also sind alle Erscheinungen im Was ihres Begegnens und im Wie ihres Erscheinens stetig. Diesen Charakter der Erscheinungen, die Stetigkeit, der ihre Extensität ebenso wie die Intensität angeht, behandelt Kant im Abschnitt über den zweiten Grundsatz für beide Grundsätze gemeinsam (A 169 ff., B 211 ff.). Dadurch werden die Axiome der Anschauung und die Antizipationen als die mathematischen Grundsätze zusammengeschlossen, d. h. als diejenigen, die die Möglichkeit einer Anwendung von Mathematik auf Gegenstände metaphysisch begründen.

Der Begriff der Größe -im Sinne der Quantität -findet in der Wissenschaft seinen Halt und seinen Sinn in der Zahl. Sie stellt die Quantitäten in ihrer Bestimmtheit dar.

Weil die Erscheinungen als ein Gegenhaftes überhaupt und im vorhinein nur auf Grund der vorgreifenden Sammlung im Sinne der Einheitsbegriffe (Kategorien) Quantität und Qualität zum Stehen kommen, deshalb ist Mathematik auf die Gegenstände anwendbar; deshalb ist es möglich, auf Grund einer mathematischen Konstruktion etwas Entsprechendes im Gegenstand selbst anzutreffen und durch das Experiment zur Ausweisung zu bringen. Die Bedingungen des Erscheinens der Erscheinungen, die jeweilige quantitative Bestimmtheit ihrer Form und ihrer Materie, sind zugleich die Bedingungen des Gegenstehens, der Gesammeltheit und Ständigkeit der Erscheinungen.

Die beiden Grundsätze von der extensiven und intensiven Größe aller Erscheinungen sprechen-nur in einer bestimmten Hinsicht-den obersten Grundsatz aller synthetischen Urteile aus.


Martin Heidegger (GA 41) Einführung in die Metaphysik. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen

GA 41