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Die Pantheismusfrage

Libertas est propensio in bonum - Freiheit, sagten Descartes und schon die Früheren und wieder der ganze neuzeitliche Idealismus nach ihm, Freiheit ist das Vermögen zum Guten. Freiheit, sagt Schelling, ist das Vermögen zum Guten und zum Bösen. Das Böse »kommt dazu«; aber es wird nicht einfach als Ergänzung angefügt, um eine bisher noch bestehende Lücke im Begriff der Freiheit auszufüllen, sondern Freiheit ist Freiheit zum Guten und zum Bösen. Das »und«, die Möglichkeit dieses Zwiespalts und all dessen, was er verschlossen hält, ist das Entscheidende. Das will sagen: Der ganze Begriff der Freiheit muß sich wandeln.

Das Böse - damit ist das Leitwort für die Hauptuntersuchung der Abhandlung gefallen. Die Frage nach dem Wesen der menschlichen Freiheit wird zur Frage nach der Möglichkeit und Wirklichkeit des Bösen. Doch hier ist sogleich zu beachten: 1. daß das Böse eben in diesem Wesensbezug zur Freiheit des Menschen zur Sprache kommt und damit und so erst recht das Wesen des Menschen selbst. Das Böse gilt also nicht als ein Sonderthema für sich. 2. aber: Das Böse wird auch nicht im Gesichtskreis der bloßen Moral verhandelt, sondern im weitesten Gesichtskreis der ontologischen und theologischen Grundfrage; mithin eine Metaphysik des Bösen. Das Böse selbst bestimmt den neuen Ansatz der Metaphysik mit. Die Frage nach der Möglichkeit und Wirklichkeit des Bösen erwirkt eine Verwandlung der Frage nach dem Seyn. Und dafür sollte die Einleitung vorbereiten.

Wir verstehen jetzt, warum die Einleitung zu dieser Abhandlung mit einer gewissen Umständlichkeit auf die Seynsfrage hin ausgelegt wurde. Solange man die Schellingsche Freiheitsabhandlung nur gelegentlich anführt, um damit eine besondere Ansicht Schellings über das Böse und die Freiheit zu belegen, hat man von ihr nichts begriffen. Es wird jetzt auch einsichtig, inwiefern Hegels zwar anerkennendes Urteil über diese Abhandlung ein Fehlurteil ist: daß sie nur eine Sonderfrage behandle! Die Abhandlung, die Hegels »Logik« schon


Martin Heidegger (GA 42) Schelling Vom Wesen der Menschlichen Freiheit