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§ 15. Rausch als Grundzustand

Nietzsche von »zwei Zuständen, in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt«. Wie der Vorgesetzte Titel des Aphorismus andeutet, sind mit diesen zwei Zuständen gemeint der » apollinische « und der »dionysische«.

In seiner ersten Schrift »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« (1870/71) hat Nietzsche diesen Unterschied und Gegensatz entwickelt (vgl. I, 19 f.). Auch hier, in der »Geburt der Tragödie«, wird gleich zu Anfang dieser Unterschied des Apollinischen und Dionysischen zu den »physiologischen Erscheinungen« von »Traum« und »Rausch« in Entsprechung gebracht (I, 20). Ebendiesen Zusammenhang finden wir noch in n. 798 aus dem Jahr 1888 (XVI, 226): »Beide Zustände sind auch im normalen Leben vorgespielt, nur schwächer: im Traum und im Rausch.«

Es ist deutlich: Hier ist wie früher der Rausch nur einer der ästhetischen Zustände, neben dem anderen, dem Traum. Aus der Stelle der »Götzen-Dämmerung« entnehmen wir jedoch, daß der Rausch der ästhetische Grundzustand schlechthin ist. Der Sache nach liegt diese Auffassung aber auch im »Willen zur Macht« vor. Der erste Satz des folgenden Aphorismus 799 (XVI, 226) zeigt das: »Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust; sie fehlt nicht im apollinischen.« Ergänze: Rausch. Nach der »Geburt der Tragödie« und n. 798 und auch sonst ist das Dionysische allein das Rauschhafte und das Apollinische das Traumhafte. Jetzt (»Götzen- Dämmerung«) sind das Dionysische und das Apollinische zwei Arten des Rausches und dieser der Grundzustand. Die endgültige Lehre Nietzsches muß nach dieser zunächst unscheinbaren, aber grundsätzlich sehr wesentlichen Verdeutlichung begriffen werden. Zu der aus der »Götzen-Dämmerung« angeführten Stelle ist eine zweite mitzulesen (VIII, 124): »Was bedeutet der von mir in die Ästhetik eingeführte Gegensatz-Begriff apollinisch und dionysisch, beide als Arten des Rausches begriffen?«

Nach diesen klaren Zeugnissen geht es nicht mehr an, Nietzsches Lehre von der Kunst einfach auf den seit seiner ersten