5
§ 3. Fragen nach der Wahrheit des Seyns als herrschaftliches Wissen

Philosophie ist das nutzlose aber herrschaftliche Wissen vom Wesen des Seienden. Die Herrschaft gründet sich in der denkerischen Zielsetzung für alle Besinnung. Welches Ziel aber setzt unser Denken? Die Setzung des Zieles aller Besinnung hat nur dort und dann Wahrheit, wo und wann überhaupt ein solches Ziel gesucht wird. Wenn die Deutschen dieses Ziel suchen und solange sie es suchen, haben sie es auch schon gefunden. Denn unser Ziel ist das Suchen selbst. Das Suchen - was ist es anderes als das beständigste In-der-Nähe-sein zum Sichverbergenden, aus dem jede Not uns zufällt und jeder Jubel uns befeuert. Das Suchen selbst ist das Ziel und zugleich der Fund.

Doch hier melden sich naheliegende Bedenken. Wird denn so nicht die endlose Ziel-losigkeit zum Ziel gesetzt, wenn das Suchen das Ziel sein soll? So denkt der rechnende Verstand. Wird denn so nicht die Ruhelosigkeit und Unbefriedigung verewigt, wenn das Suchen das Ziel sein soll? So meint das nach raschem Besitz gierige Gefühl. Jedesmal erkennen wir, daß das Suchen die höchste Beständigkeit und Ausgewogenheit ins Dasein bringt — allerdings nur dann, wenn dieses Suchen selbst eigentlich sucht, d. h. am weitesten hinaus in das Verborgenste auslangt und alle bloße Neugier hinter sich gelassen hat. Und was ist verborgener als der Grund jenes Ungeheuren, daß Seiendes ist und nicht vielmehr nicht ist? Was entzieht sich uns mehr als das Wesen des Seyns, d. h. dessen, was in allem uns umwaltenden und tragenden, verfertigten und gelenkten Seienden das Nächste und Abgegriffenste und doch Ungreifliche ist?

Das Suchen selbst als das Ziel setzen, heißt: Anfang und Ende aller Besinnung festmachen im Fragen nach der Wahrheit des Seyns selbst — nicht dieses oder jenes Seienden oder alles Seienden. Die Größe des Menschen bemißt sich nach dem, was er sucht, und nach der Inständigkeit, kraft deren er der Suchende bleibt.


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

GA 45