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Gründung des Grundes

und überhaupt des Vorstellens. Dieser Ansatz vollzog sich sogleich in der Form einer kritischen Besinnung. Sie ergab folgendes: Die Wahrheit als Richtigkeit des Vorstellens setzt, um das sein zu können, was sie ist — Angleichung an den Gegenstand -, die Offenheit des Seienden voraus, wodurch das Seiende erst gegen-standsfähig und das Vor-stellen zum Vermögen wird, etwas als solches vor sich zu bringen. Diese Offenheit erwies sich damit als der Grund der Möglichkeit der Richtigkeit. Demnach kann die Richtigkeit nicht das ursprünglicheWesen der Wahrheit ausmachen, wenn sie selbst auf ein Ursprünglicheres angewiesen bleibt. Vielmehr muß das ursprünglichere Wesen der Wahrheit im Rückgang auf jene Offenheitgesucht werden.

Allein, diese einfache, kritisch über den herkömmlichenWahrheitsbegriff hinausführende Überlegung hat allein darin ihren Halt, daß schon die Richtigkeit, wenngleich nicht ursprünglich, so doch in irgendeiner Weise etwas vom Wesen derWahrheit enthält. Daß dem so sei, wurde zunächst nur stillschweigend vorausgesetzt. Wie steht es mit dieser Voraussetzung? Wie und wieweit ist die überlieferte Ansetzung des Wesens der Wahrheit als Richtigkeit der Aussage begründet? Wir werden - wenn überhaupt - die Begründung dieser Wesensbestimmung der Wahrheit am unmittelbarsten dort antreffen,wo dieses Wesen der Wahrheit erstmals festgesetzt wurde. Dies geschah am Ende der großen Philosophie der Griechen, imDenken Platons und in den Lehren des Aristoteles.

Um nun aber mit Sicherheit den Rechtsgrund für die Wesensbestimmung der Wahrheit als Richtigkeit zu erfragen,müssen wir wissen, was jene Denker mit dem meinten, was wir das »Wesen« nennen. Dies führte zur Erörterung dessen, wasPlaton als ἰδέα begriff. Das Wesen ist das Wassein des Seienden, das als Anblick seines Aussehens er-blickt wird und fortan für alles Verhalten zum einzelnen jeweils Vorhandenen imVorblick steht. Wenn wir nun nach dieser Klärung des griechischen Wesensbegriffes zusehen, in welcher Weise die genannte

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