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§ 25. Unverborgenheit des Wasseins des Seienden

heißt griechisch ἀλήθεια. Wir übersetzen dieses seit langem mit veritas und Wahrheit. Die »Wahrheit« der Wesenserfassung ist, griechisch gedacht, die Unverborgenheit des Wasseins des Seienden. Die Unverborgenheit, Gesichtetheit des Seienden aber ist platonisch die ἰδέα.

Das Seiende in seiner Seiendheit (οὐσία) ist, kurz und eigentlich, die Unverborgenheit des Seienden selbst. Das Seiende, bestimmt hinsichtlich seiner Unverborgenheit, ist damit gefaßthinsichtlich seines Hervorkommens und Auf gehens, seiner φύσις, als ἰδέα, und so ist nichts anderes gefaßt als das Seiende in seiner Seiendheit. Das Seiende als solches in seiner Seiendheit in dem, was es als Seiendes ist – er-sehen, heißt nichts anderes als: es in seiher Unverborgenheit einfach antreffen und, wieAristoteles (Met. Θ 10) sagt, θιγεΐν, berühren, einfach daraufstoßen und im Daraufstoßen und dahin Vorstoßen vor sichbringen, den Anblick er-sehen. Weil, griechisch erfahren, das Seiende als solches φύσις, Aufgang, ist, gehört zum Seienden als solchem die ἀλήθεια, die Unverborgenheit. Deshalb muß das Erfassen des Seienden als solchen ein Entbergen (aus der Verborgenheit Herausnehmen) sein. Was all dies in tieferem Sinne und in seinen Folgen bedeutet, daß für die Griechen dieWahrheit ein – ja der Charakter des Seienden als solchen ist, kann hier nicht näher verfolgt werden. Wir achten jetzt nur darauf, daß die Wesenserfassung eine eigene Art von »Wahrheit«, die Unverborgenheit, in Anspruch nimmt.

Nun ist aber alle Kenntnis und Erkenntnis des einzelnen Seienden – wie wir oft genug hörten – gegründet auf die Kenntnisdes Wesens. Die Erkenntnis als das Vorstellen des einzelnen Seienden wird begründet nach dem Maßstab seiner Richtigkeit. Wenn nun aber die Erkenntnis des Einzelnen, das wahre Vorstellen der Tatsachen, in der Wesenserkenntnis gegründet ist, dann muß auch die Wahrheit der Tatsachenerkenntnis, d. h. die Richtigkeit der Aussage, ihrerseits in der Wahrheit der Wesenserkenntnis gegründet sein. Die Wahrheit als Richtigkeit (ὁμοίωσις) hat ihren Grund in der Wahrheit als Unverborgenheit


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

Basic Questions of Philosophy pp. 86-87

GA 45