114 Notwendigkeit der Frage nach dem Wesen der Wahrheit


Besinnung setzen wir uns in den Stand, mit dem Anfang anzufangen und d. h. im ursprünglichen Sinne zukünftig zu sein, statt nur das Frühere und Früheste historisch nachzurechnen und in seiner Verschiedenheit oder gar Zurückgebliebenheit gegen das Heutige uns vorzustellen.

Somit ist unsere Frage nach dem Grunde der Möglichkeit der Richtigkeit, also der Rückgang auf die Offenheit und vor allem das Fragen nach der Offenheit selbst als dem Fragwürdigsten, nicht überflüssig – sowenig überflüssig, daß dieses Fragen vielmehr jetzt zum Nachholen eines Versäumnisses wird, zum Nachholen der Frage, was denn die ἀλήθεια selbst sei, welche Frage die Griechen niemals fragten.

Nun betonen wir aber doch immer erneut, daß der Anfang das Größte sei, das alles ihm Nachkommende überragt, auch dann, wenn es gegen den Anfang sich wendet, was es nur kann, weil er ist und das Nachkommende ermöglicht. Geraten wir da nicht in die reine Schuhneisterei, wenn wir davon reden, die Griechen hätten hier eine Frage versäumt? Ist das nicht eine sehr anmaßliche Herabsetzung der Größe ihres Denkens, zu sagen, sie hätten die Wahrheitsfrage nicht bewältigt? Allerdings. Dann aber ist auch die jetzt versuchte Besinnung auf den Anfang des griechischen Denkens über das Wesen der Wahrheit noch nicht zureichend besinnlich, d. h. der Anfang ist immer noch nicht hinreichend geschichtlich erreicht, wenn diese »Besinnung « mit einer überheblichen Besserwisserei der Nachgekommenen gegenüber den Gründern endet. Solange es so aussieht, sind wir auch noch nicht im rechten Stande, mit diesem Anfang anzufangen, d. h. zukünftig zu sein, unsere Zukunft im Denken und Fragen zu ergreifen und vorzubereiten.

Wir müssen uns deshalb darauf besinnen, ob dieses Geschehnis, daß die Griechen zwar das Wesen der Wahrheit als Unverborgenheit erfuhren und in Anspruch nahmen und stets bereit hatten, aber nicht eigens zur Frage machten und nicht er-gründeten, ob dieses Geschehnis ein Versäumnis und die Folge einer Unkraft zum Fragen war, oder ob darin gerade die eigentliche


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

Basic Questions of Philosophy p. 100