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§ 32. Die den Griechen aufgegebene Bestimmung

Ort. Weil Beide, jeder anders als der andere, Ende und Übergang sind, mußte ihnen der Anfang anfänglich aufgehen und darin das Wissen vom Ende erwachen. Dabei ist Hölderlin, obwohl der uns historisch gerechnet Fernere, doch der Zukünftigere, d. h. über Nietzsche Hinwegreichende; nicht, weil Nietzsche selbst seit seiner reifen Jugend Hölderlin erkannte, sondern weil Hölderlin, der Dichter, weiter vorausgeworfen ist alsNietzsche, der Denker, der es trotz allem nicht vermochte, die anfängliche Frage der Griechen ursprünglich zu erkennen undzu entfalten. Er blieb gerade in dieser Hinsicht stärker als inanderen unter der Botmäßigkeit seines denkerisch verworrenenund vor allem grobschlächtigen und stillosen Zeitalters.

Wir nennen und meinen Hölderlin hier und sonst allein aus dem Umkreis dieser einzigen Aufgabe der denkerischen Besinnung auf den ersten und d. h. den anderen künftigen Anfangdes abendländischen Denkens. Also nicht irgendeine »aesthetische« Vorliebe für diesen Dichter gegenüber einem anderen, nicht irgendeine und dann wahrscheinlich sehr einseitige literarhistorische Wertung Hölderlins gegen andere Dichter. Nurdarauf ist noch einmal hinzuweisen, daß die Hinsicht, in derwir Hölderlin und das Wesen der Dichtung nennen, eine einzigartige ist — einzigartig gerade dadurch, daß er sich in ihr selbst aus jeder Vergleichbarkeit herausstellt. Das Wesen der Dichtung, wie es Hölderlin durch sein Werk setzt, ist nicht dazusichtbar gemacht, um den Begriff der Dichtung zu »verbessern« oder abzuändern, damit ein neuer Maßstab zur Verfügung sei, mit Hilfe dessen man jetzt auch die anderen Dichter untersucht. Man würde bei diesem Geschäft höchstens finden, daß dieser Begriff der Dichtung auf die andern Dichter nicht paßt. Hölderlin und sein Werk, und dies in seiner ganzen Bruchstückhaftigkeit, wird in unserem Aufgabenbereich nur sichtbargemacht als eine — als die noch nicht ergriffene Frage an die Zukunft unserer Geschichte, und dieses wieder nur unter derVoraussetzung, daß für die Vorbereitung dieser Geschichte die Frage nach dem Wesen der Wahrheit eine wesentliche ist. Dies


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

Basic Questions of Philosophy pp. 117-118

GA 45