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Not und Notwendigkeit des ersten Anfangs

was der Mensch »hat« und was nun entweder von äußeren Begebenheiten und Umständen oder von inneren Leibzuständen abhängig ist, während in Wahrheit, will sagen aus dem Wesen des Seyns (als Ereignis) begriffen, die Stimmungen den Menschen haben und ihn demzufolge je verschieden auch in seinerLeiblichkeit bestimmen. Die Stimmung kann den Menschen in seine Leiblichkeit wie in ein Gefängnis einsperren. Sie kann ihn aber auch durch die Leiblichkeit als eine ihrer Ausschwingungs-bahnen hindurchtragen. Jedesmal wird dem Menschen dieWelt anders zugetragen, jedesmal ist sein Selbst anders erschlossen und entschlossen zum Seienden.

Noch wesentlicher ist zu sagen1: Die Stimmung ist nicht, wie die bisherige, d. h. biologische und psychologische Auffassung des Menschen das jetzt Gesagte noch mißdeuten könnte, ein sehr wichtiges und vielleicht bisher nicht genug eingeschätztes und gedeutetes Vermögen des Menschen, sondern die recht verstandene Stimmung führt zu einer Überwindung der bisherigen Auffassung des Menschen. Wir sagen gewöhnlich: »Wir werden in die und die Stimmung versetzt«. In Wahrheit, d. h.aus dem ursprünglichen Wesen des Seins begriffen, ist es umgekehrt: die Stimmung versetzt uns je so und so in diesen und jenen Grundbezug zum Seienden als solchem. Genauer: die Stimmung ist dieses Versetzende, das dergestalt versetzt, daß es den Zeit-Raum der Versetzung selbst mitgründet.

Wie das zu verstehen sei, daß dieses Versetzende waltet, kann hier noch nicht gefragt werden. Aber diese Frage ist als eineStrecke und Bahn innerhalb unserer Frage nach der Offenheitals solcher (Da-sein) wesentlich.

Hier haben wir zunächst im Blick auf das Wesen der Not zu bedenken: Jene Not des Nicht-aus-und-nicht-ein-Wissens als stimmende nötigt nicht nur erst in eine schon bestimmte Bezie-


1 Über das Wesen der Stimmung vgl.: Sein und Zeit. GesamtausgabeBd. 2. Hg. F.-W. von Herrmann, Frankfurt a. M. 1977; und vor allem die Hölderlinvorlesung: Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«.Gesamtausgabe Bd. 59. Hg. S. Ziegler, Frankfurt a. M. 1980.

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