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Anhang

nötigen müßte. Und wäre es da zu verwundern, daß dieser Grund — gesetzt, daß wir ihm nachfragten — sich uns als ein Abgrund eröffnete, während wir noch allzusehr aus der Gewöhnung der vorigen Zeitalter leben und das Geläufige und Selbstverständliche für das Wesen halten?



c) Die Wahrheitsfrage und die Verrückung des Menschseins aus seiner bisherigen Standortlosigkeit in den Grund seines Wesens, Gründer und Wahrer der Wahrheit des Seyns zu werden


Aber so unerbittlich das wirkliche Fragen uns ganz auf uns selbst zurückwirft und keine Anlehnung duldet, so gewiß Geschichte nur gegründet wird in der Überwindung des Historischen, so wenig können wir uns von aller bisherigen Geschichte ablösen und uns gleichsam ins Leere stellen.

Immer wieder ist einzuschärfen: In der hier gestellten Wahrheitsfrage gilt es nicht nur eine Abänderung des bisherigen Begriffes der Wahrheit, nicht eine Ergänzung der geläufigen Vorstellung, es gilt eine Verwandlung des Menschseins selbst. Diese Verwandlung ist nicht durch neue psychologische oder biologische Einsichten gefordert - der Mensch ist hier nicht Gegenstand irgendeiner Anthropologie —, der Mensch steht hier zur Frage in der tiefsten und weitesten, der eigentlich grundhaften Hinsicht, der Mensch in seinem Bezug zum Sein, d. h. in der Kehre: das Seyn und dessen Wahrheit im Bezug zum Menschen. Mit der Bestimmung des Wesens der Wahrheit geht die notwendige Verwandlung des Menschen zusammen. Beides ist dasselbe. Diese Verwandlung bedeutet: die Verrückung des Menschseins aus seinem bisherigen Standort - oder besser seiner Standortlosigkeit — in den Grund seines Wesens, der Gründer und Wahrer der Wahrheit des Seyns zu werden, das Da zu sein als der vom Wesen des Seyns selbst gebrauchte Grund.

Die Verrückung des Menschseins dahin, dieser Grund zu sein, rückt den Menschen am weitesten von sich weg in den Bezug


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

GA 45