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Anhang

das, was man sucht, und man sucht nur das, was man in bezug auf den Leitbegriff »Wahrheit« (Wahrheit als Richtigkeit) wissen will. Man sucht gerade nicht nach der Unverborgenheit.

Um die Erinnerung an den ersten Auf schein des Wesens der Wahrheit als άλήφεια überhaupt vollziehen zu können, müssen wir schon selbst nach dem ursprünglicheren Wesen der Wahrheit als Offenheit des Seienden gefragt haben. Wir bewegen uns da in jenem bekannten Kreis alles Ver Stehens und Auslegens. Umgekehrt könnte man jetzt sagen: Wenn wir schon nach dem ursprünglichen Wesen der Wahrheit selbst gefragt haben und somit über ein Wissen von ihm verfügen müssen, dann ist es überflüssig, noch das Vergangene herbeizuholen. Doch dieses Bedenken ist durch die vorigen Betrachtungen schon grundsätzlich behoben. Fortan gilt es jedoch zu beachten, daß wir das erste Aufscheinen der άλήΦεια nur in den Blick bekommen, wenn wir selbst zugleich und zuvor ins ursprüngliche Wesen hineinfragen. Wir werden um so Wesentlicheres zu sehen bekommen, je entschiedener wir selbst fragen und so der gewesenen Geschichte entgegenkommen.

Der Vollzug der Erinnerung an das erste Aufscheinen der ἀλήθεια kommt einer Auseinandersetzung mit den wesentlichen Schritten in den Grundbewegungen der großen griechischen Philosophie gleich, deren Anfang und Ende durch die Namen Anaximander und Aristoteles festgelegt ist. Was nachher an sogenannter griechischer »Philosophie« kommt, hat einen anderen, nicht mehr ursprünglichen Charakter; entweder sind es Schulrichtungen in der Nachfolge Viatons und des Aristoteles; oder es sind praktisch-moralische Philosophien wie die der Stoa und Epikurs; oder aber Erneuerungsversuche der alten griechischen Philosophie unter dem Einfluß der christlichen Glaubenswelt und der spätantiken Religionssysteme, welche Erneuerungen unter dem Namen Neuplatonismus zusammengefaßt werden. Alle diese »Philosophien« sind in der Folgezeit geschichtlich weit wirksamer geworden als die eigentliche und ursprüngliche große griechische Philosophie. Der Grund für


Martin Heidegger (GA 45) Grundfragen der Philosophie

GA 45