90
Die Erschütterung des Wesens der Wahrheit

halb soll auch in dieser Vorlesung nicht »Etwas« »heraus-«, wir sollen vielmehr zur Besinnung kommen: Wir sollen wissen können, was das ist, was Nietzsche eigentlich denkt, erfahren können, daß dieses Gedachte kein bloßer Gedanke ist, sondern die Herrschaft des Seins, die sich aus der Macht und Ohnmacht des Seienden nie errechnen und niemals bewältigen läßt.


7) Der Zusammenhang von Nietzsches Grundbegriff des »Lebens« mit dem metaphysischen Denken des Abendlandes


Wenn wir auf dem Gedankengang Nietzsches zum Willen zur Macht unvermeidlich in die Nebel des Biologismus geraten, dann gilt es, sein Denken und Sagen nicht nach der Art des biologischen Denkens zu verstehen, Gewiß, oft scheint eine andere als die biologistische Auslegung unmöglich zu sein. Das Verfahren, über den Biologismus hinwegzukommen, bleibt zunächst dem Verdacht der Willkür und Gewaltsamkeit ausgesetzt. Und doch zeigt schon ein erstes aufmerksames Hinhören: Nietzsche hat, was doch nahe läge, mit der zeitgenössischen Biologie und der darwinistischen Grundrichtung ihres Denkens nichts gemein. Das belegt sich nach zwei wesentlichen Hinsichten:

1. Nietzsche wendet sich in aller Schärfe gegen die Vorstellung eines Entwicklungsganges der Lebewesen vom Niederen zum Höheren; vielmehr entfaltet sich nach seiner Denkweise »Alles zugleich, und übereinander und durcheinander und gegeneinander«. (WzM n. 684)

2. Die »höheren Typen« der Lebewesen sind nicht diejenigen, in denen das Leben seinen endgültigen und festen Zustand erreicht; die höheren Typen sind die am wenigsten dauerfähigen. Sie halten sich immer nur »mit Not« oben, während die niedrigsten »eine kompromittierende Fruchtbarkeit für sich« haben. Auch in der Menschheit sind die höheren Typen »die Glücksfälle«. Sie gehen am leichtesten zugrunde: »Das >Genie< ist die sublimste Maschine, die es gibt, -folglich die zerbrechlichste. « (ebd.)

GA 47