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Wiederholung

Nach diesen eindeutigen Sätzen ist Nietzsches Biologismus jedenfalls kein Darwinismus; seine Vorstellung vom Leben ist eine andere. Sie ist nicht, wie diejenige Darwins, metaphysischsoziologisch bestimmt, sondern metaphysisch-ontologisch, wobei wir» ontologisch« nicht im schulmäßigen Sinne verstehen. Daher gilt es bei der Auslegung des Willens zur Macht als der höchsten Lebendigkeit des Lebens zu fragen, ob nicht, und wenn ja, in welcher Weise die Grundbegriffe Leben, Lebenssteigerung, Lebensbedingung, Lebensentwicklung aus einem wesentlichen Zusammenhang mit der Grundrichtung des abendländischen metaphysischen Denkens über das Seiende ihre eigentliche Bedeutung und Bedeutungskraft schöpfen. Zu fragen bleibt:

Wie steht es mit dem Sein selbst und dessen Wahrheit, daß am Ende und in der Vollendung der abendländischen Metaphysik das Seiende im Sinne des Willens zur Macht als die Wesens erfüllung des Seins in Anspruch genommen werden kann und muß?

Wir haben die Darstellung der Erkenntnis und der Wahrheit als einer Gestalt des Willens zur Macht begonnen mit n. 507: »Die Wertschätzung >ich glaube, daß Das und Das so ist< als Wesen der >Wahrheit<. In den Werts eh ätzungen drücken sich Erhaltungs-und Wachstumsbedingungen aus. Alle unsre Erkenntnisorgane und Sinne sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs-und Wachstums-Bedingungen ... « Es gilt, in diesen und den folgenden Sätzen etwas wesentlich anderes zu sehen denn eine darwinistische, biologische Erklärung der Erkemltnis und Erkenntnisorgane als »Bedingungen«, die das Leben im »Kampf ums Dasein« entwickelt haben soll. Es gilt die Sätze metaphysisch zu begreifen und in einem damit: metaphysisches Fragen zu vollziehen. Nietzsches Grundgedanken VOm Willen zur Macht metaphysisch statt biologisch denken, heißt fragen, warum dasjenige, was der neuzeitliche Mensch fÜr »das Leben« hält, als das eigentlich Seiende gilt und inwiefern deshalb »das Leben« für die Wesensbestimmung des Seins in Anspruch genommen werden muß.


Martin Heidegger (GA 47) Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als Erkenntnis

GA 47