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Gerechtigkeit als Funktion des Willens zur Macht

Einmal gilt es, die Wahrheit als eine notwendige Bedingung des Lebens zu begreifen, also zu wissen, daß sie und warum sie nicht die höchste Bedingung des Lebens sein kann. Sofern sie nicht die höchste ist, bleibt damit die Wahrheit auf die höhere Bedingung des Lebens wesentlich bezogen. Wahrheit, und d. h. Erkenntnis, und d. h. in der Folge auch Wissenschaft, muß stets im Wesensverhältnis zur Kunst gedacht werden. Anders gewendet: wir denken die Kunst schon mit, wenn wir die Notwendigkeit und zugleich den niedrigeren Rang der Erkenntnis denken.

Zum anderen gilt es, mit der inneren Zweideutigkeit des Nietzscheschen Wahrheitsbegriffes ernst zu machen. Und gerade diese überlegung führt auf den metaphysischen Grund und die Einheit des Wesensverhältnisses von Wahrheit und Kunst.

Nietzsche begreift die Wahrheit als eine Art von Irrtum. Wahrheit besagt hier vor-stellende Feststellung, d. h. Verfestigung des Chaos. Sofern aber das Chaos sich überdrängendes Werden und als dieses das eigentlich Wirkliche »ist«, stellt das Festgestellte als Verfestigtes das Wirkliche gerade nicht dar; die Wahrheit als Festmachung ist -auf die Einstimmigkeit mit dem Wirklichen hin gesehen -ein Schein, Irrtum. Was heißt aber »auf die Einstimmigkeit mit dem Wirklichen hin gesehen«? Nichts anderes als: die Wahrheit im Sinne der Festmachung wird zugleich und zwar notwendig gedacht im Sinne der Wahrheit als Einstimmigkeit mit dem Wirklichen, der ὁμοίωσις. Die Wahrheit, als Irrtum begriffen, ist als eine Art von Wahrheit bestimmt: die in den Begriff gefaßte Wahrheit (Irrtum) und die zu begreifende Wahrheit (ὁμοίωσις), Wahrheit als Richtigkeit.

Dieser Begriff von Wahrheit, der herkömmliche des abendländischen Denkens, bleibt trotz allem maßgebend; nur wird diese Einstimmigkeit mit dem Wirklichen - dem werdenden Chaos - nicht durch die Erkenntnis und ihre Wahrheit erreicht, sondern durch die Kunst. Gemäß der Überlieferung des metaphysischen Denkens gebraucht Nietzsche Wort und Begriff der »Wahrheit« immer nur als Auszeichnung der Erkenntnis und


Martin Heidegger (GA 47) Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als Erkenntnis

GA 47