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§11. Kierkegaard, »Existenzphilosophie«, »Sein und Zeit«

Aber man hat nicht über diese Feststellung hinausgedacht. Man hatte auch hier eine Erklärung für den Ausfall der Worte »Bewußtsein« und »Subjektivität« sogleich bei der Hand, daß nämlich der Verfasser eine eigenwillige und gesuchte Sprache schreibe. Wenn man gesagt hätte, eine suchende Sprache, eine das Wort suchende und nicht findende Darstellung, dann wäre man der Sache nähergekommen. Aber man hat vor allem nicht dasjenige durchdacht, was nun allerdings von den ersten Paragraphen an durch das Ganze sich hindurchzieht und den Grund dafür enthält, daß im Durchdenken des Menschenwesens nicht mehr an Bewußtsein und Subjektivität, ja überhaupt nicht mehr an das animal rationale gedacht wird; denn der Mensch wird begriffen aus dem Dasein. Und vom Dasein wird (»Sein und Zeit«, S, 12) gesagt (und außerdem im Sperrdruck):

»Seinsverständnis ist selbst eine Seinsbestimmtheit des Da-seins.« Das heißt: Da-sein ist in sich Sein-Verstehen. Mit »Seinsverständnis« ist dasjenige genannt, worauf alles in Sein und Zeit ausschließlich hindenkt.


δ) »Seinsverständnis« als maßgebende Bestimmung von Dasein und Existenz in »Sein und Zeit«4


Der deutlichen Wortprägung nach handelt es sich um das Verstehen des Seins, nicht um die Erkenntnis und die Kenntnis, das Erklären und »Verstehen« von Seiendem. »Verstehen« bedeutet in der Benennung »Seinsverständnis« soviel wie: Entwerfen, entworfener Entwurf. Und Ent-wurf besagt: Er-öffnung und Offenhalten des Offenen, Lichten der Lichtung, in der das, was wir Sein (nicht das Seiende) nennen und somit unter diesem Namen auch kennen, eben als Sein offenkundig ist. »Entwurf« meint hier nicht »bloßer Plan« im Unterschied zur wirklichen Ausführung, sondern Entwurf meint das Aufschließen, davon vielleicht ein Planen je nur eine mögliche Folge ist.

4 Vgl. unten Θ) Das Wesen des Da-seins (S. 60 ff.).