die Einsicht: Was in »Sein und Zeit« mit dem überlieferten Titel »Existenz« benannt wird, ist zwar auf das Selbstsein des Menschen bezogen, aber dieses Selbstsein ist nicht mehr als Subjektivität genommen; vielmehr wird das Menschsein als Dasein im Hinblick auf das erstmalig erblickte Seinsverständnis begriffen.
Darin liegt: Der Existenzbegriff in »Sein und Zeit« entspringt einer Fragestellung, die der »Existenzphilosophie« völlig fremd, aber auch Kierkegaard unbekannt ist, ja überhaupt außerhalb des Denkens der Metaphysik und der gesamten bisherigen Philosophie liegt. Von dieser anderen Fragestellung her läßt sich zwar die bisherige Metaphysik ursprünglicher deuten (vgl. Kantbuch), aber nicht umgekehrt.
Und dennoch ist die Besinnung auf das durch das Seinsverständnis ausgezeichnete Dasein nicht ohne eine geschichtliche Besinnung vollzogen. Beides gehört zusammen. Die angebliche Sucht nach einer »neuen« Philosophie in »Sein und Zeit« ist in Wahrheit die Bodenständigkeit in ihrem ältesten Anfang.
Bei einer aus der Fragestellung von »Sein und Zeit« geleiteten geschichtlichen Besinnung darauf, wie denn nun im Seinsverständnis das Sein des Seienden verstanden werde, ergibt sich folgende Einsicht: Sein wird eindeutig seit Platon und Aristoteles als οὐσία, Seiendheit, bestimmt; und οὐσία besagt: Anwesenheit, Anwesung. οὐσία ist genauer das tragende Wort für den Gegensatz von παρουσία und άπουσία, An- und Abwesenheit. Bei Platon (vgl. z. B. Theätet) und bei Aristoteles wird das Wort οὐσία noch zugleich als Alltagswort und als Name für den philosophischen Grundbegriff gebraucht. Als Alltagswort bedeutet οὐσία soviel wie Vermögen, Hab und Gut, dasjenige, was jederzeit verfügbar ist, weil es festliegend anwest — ein »Anwesen« nennen wir heute noch einen Bauernhof.
Wären nun die Griechen damals so gedankenlos gewesen, daß sie alles nur nach dem Wortlaut beurteilten, dann hätten sie sagen müssen: Seht da, Platon und Aristoteles deuten das Ganze des Seienden im Hinblick auf die οὐσία, auf das Vermögen,