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§ 11. Kierkegaard, »Existenzphilosophie«, »Sein und Zeit« 4-5

Entwurfs von Sein erweist, ist die »Zeit« das vorläufige Ziel, auf das »Sein und Zeit« vom ersten Schritt an hinausfragt. Der Name »Zeit« ist hier der Vorname für die Wahrheit des Seins. Und das einzige Denken auf den »Sinn von Sein« ist Besinnung. Überall steht das Sein und seine Wahrheit, nicht aber das Seiende und dessen Wesen im Sinn.

Das Wissen erwacht, daß schon anfänglich im abendländischen Denken das Sein aus der Zeit entworfen ist, welcher Entwurf aber sich selbst verhüllt bleibt. Freilich beschränkt sich dieses Wissen vom verborgenen Zeitcharakter des Seins im Anfang des abendländischen Denkens nicht auf die dürftige Feststellung, daß im Wesen oder gar im »Wort« οὐσία Anwesenheit und Beständigkeit, also Zeithaftes gedacht sei. Vielmehr wird der Anfang des abendländischen Denkens (Anaximander, Heraklit, Parmenides) in seiner Fülle, in einem mit der gleichzeitigen Dichtung und allem Wirken und Bilden, anfanglicher erfahren, indem alle Rückübertragungen der nachkommenden metaphysischen Deutungen abgebaut werden. Das ist der Sinn der »Destruktion«, die der Gang ins Anfängliche ist und nichts von Zerrüttung und Zernichtung an sich hat.

Mit diesem Wissen vom Anfang rückt aber zugleich ein anderes, nicht minder Wesentliches in die Besinnung, etwas, wovon zwar jeder Historiker der Philosophiegeschichte sogleich sagen wird, daß es allbekannt sei: Von früh an drängt sich nämlich beim Fragen, was das Seiende sei, auch das Nichtseiende in den Fragebereich. Im Hinblick auf das Sein gesprochen heißt dies: Das Sein wird, wie von seinem Schatten fast, ständig vom Nichts verfolgt. Sein und Nichts gehören zusammen. Eine einfache Besinnung schon kann diese Zusammengehörigkeit und Wesensverwandtschaft des Seyns und des Nichts ahnen lassen: Das Sein des Seienden finden wir nirgendwo selbst als Seiendes unter anderen. Das Sein zeigt sich, an je einem Seienden gemessen, wie ein Ungreifliches, eben als Nicht-Seiendes, als ein »Nichts«; deshalb vermögen wir ja auch jederzeit leicht ein Seiendes vorzufinden und vorzuzeigen; versuchen wir dagegen,


Martin Heidegger (GA 49) Die Metaphysik des deutschen Idealismus