ERSTER TEIL
DAS BEDENKEN DES SPRUCHES
DER UNTERSCHIED ZWISCHEN SEIENDEM UND SEIN
ERSTER ABSCHNITT
Die Erörterung des »ist«, des Seienden im Ganzen
§ 2. Das Seiende im Ganzen ist Wirkliches, Mögliches, Notwendiges
Folgen wir dem alten Spruch:
μελέτα τὸ πᾶν
»Nimm in die Sorge das Seiende im Ganzen«, und denken wir also in einem Versuch das Seiende im Ganzen, dann denken wir roh genug dies, daß das Seiende »ist«, und bedenken das, was es »ist«. Wir denken das ganze Seiende, alles, was ist, in seinem Sein. Hierbei denken wir zunächst ins Unbestimmte und Verfließende und meinen dennoch solches, wofür wir nichts Vergleichbares finden, etwas Einziges; denn das Seiende im Ganzen ist nicht ein zweites Mal, sonst wäre es nicht das, als welches wir es meinen.
Zu dem, was »ist«, gehört uns jedoch nicht allein das gerade Wirkliche, das uns trifft und darauf wir stoßen: die Begebenheiten, die Geschicke und Gemachte des Menschen, die Natur in ihrer Regelhaftigkeit und in ihren Katastrophen, die kaum faßbaren Mächte, die in allen Antrieben und Zielen, allen Wertungen und Glaubenshaltungen schon anwesend sind. Zu dem, was »ist«, gehört uns auch das Mögliche, das wir erwarten, erhoffen und befürchten, was wir nur ahnen, wovor wir zurückfahren und was wir dennoch nicht loslassen. Das Mögliche ist zwar das noch nicht Wirkliche, allein dieses Nicht-Wirkliche ist uns dennoch kein Nichtiges. Auch das Mögliche »ist«, nur hat dessen Sein einen anderen Charakter als das Wirkliche.