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Die Erörterung des »ist«

Wirklichen jedesmal in verschiedenen Ebenen des Wissens und Handelns verläuft und vollends verlaufen muß für ein Zeitalter, in dem überall und einzig der »Wille zur Macht« den Grundzug des Handelns bestimmt und noch die scheinbar entgegengesetztesten Haltungen beherrscht, so daß von der bisherigen Welt nichts mehr übrig bleibt? Wer wollte leugnen, daß da alles menschliche Planen und Wirken in besonderer Deutlichkeit den Charakter eines großen »Spiels« bekundet, in dem kein Einzelner und auch nicht alle zusammen diejenigen Einsätze aufzubringen vermögen, um die in diesem »Weltspiel« gespielt wird? Wer möchte sich wundern, daß in einer solchen Zeit, da die bisherige Welt aus allen Fugen geht, der Gedanke erwacht, jetzt könne nur noch die Lust an der Gefahr, das »Abenteuer«, die Art sein, in der sich der Mensch des Wirklichen versichere?

Nietzsche sagt:»... jeder höhere Mensch fühlt sich als Abenteuerer.«1 Dies wird in jedem Falle deutlich, daß alle aus den bisherigen »Welterklärungen« ausgeliehenen Deutungen des Menschentums und seiner Bestimmung sogleich hinter dem, was ist, nachhinken. Inzwischen hat sich aber auch über alle im engeren Sinne >politischen< Lehrgebäude hinweg entschieden, daß durchgängig »der Arbeiter« und »der Soldat« das Gesicht des Wirklichen bestimmen. Diese beiden Namen sind da nicht als Namen für eine Volksklasse und einen Berufsstand gemeint, sie bezeichnen in einer einzigartigen Verschmelzung die Art des Menschentums, das maßgebend von der jetzigen Welterschütterung zu deren Vollzug in Anspruch genommen ist und dem Bezug zum Seienden die Richtung und Einrichtung gibt. Die Namen »Arbeiter« und »Soldat« sind daher metaphysische Titel und nennen die menschliche Vollzugsform des offenbar gewordenen Seins des Seienden, welches Sein vordenkend Nietzsche als den » Willen zur Macht« begriffen hat.


1 F. Nietzsche, Nachgelassene Werke, Unveröffentlichtes aus der Umwerthungszeit (1882/83-1888); Nietzsches Werke, 2. Abt. Bd. XIII, Leipzig 1903, S. 54, Nr. 128.


Martin Heidegger (GA 51) Grundbegriffe