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Die Erörterung des »ist«

menschlichen Schaffens, dessen, was bisher »Kultur« hieß. Diese ist, nach bisherigen Vorstellungen gedeutet, ein Instrument der »Kulturpolitik«. Kultur ist nur sofern, als sie in den Arbeitsgang der Bestandssicherung einer Herrschaftsform eingeschaltet bleibt. Daß wir hier zur Benennung dieses Zusammenhangs das Wort »einschalten«, also einen Ausdruck aus der Maschinentechnik und der Maschinenbedienung gebrauchen, ist selbst wie ein von selbst einfließendes Zeugnis für das Wirkliche, das hier zu Wort kommt. Die Titel »Arbeiter« und »Soldaten« bleiben freilich überkommene Namen, die aber doch ungefähr das heraufkommende Menschentum der Erde im Umriß seines Wesens zu bezeichnen vermögen. Wenn der Bauer sich zum Versorgungsindustriearbeiter wandelt, dann ist dies derselbe Vorgang, gemäß dem ein maßgebender Gelehrter in einem Forschungsinstitut zum Betriebsführer wird. Aber es wäre nur rückwärts und daher halb und somit gar nicht ernsthaft gedacht, wollte man diese Vorgänge nach früheren >politischen< Vorstellungen ζ. B. als eine »Proletarisierung« bezeichnen und gar meinen, damit das Geringste begriffen zu haben. Der natürlichen Trägheit des Menschen entspricht es, alles aus dem Bisherigen her zu deuten und so sich selbst aus dem Bereich des bereits Wirklichen und seiner Wesentlichkeit auszuschließen. Nur ein Träumer und Phantast könnte leugnen wollen, daß im angebrochenen Zeitalter auf dem ganzen Erdkreis der Mensch als der Arbeiter und Soldat das eigentlich Seiende erfährt und das bereitstellt, was da allein als das Seiende soll gelten können.

Nur die stets Mißgelaunten und aus Prinzip Verärgerten können meinen, durch eine Flucht in Bisheriges, zu dessen vormaliger Gestaltung und Erhaltung sie nichts beigetragen haben, wesentliche Entscheidungen aufzuhalten. Allerdings ist die echte innere Anteilnahme am Gesetz des Zeitalters auch etwas wesentlich anderes als jene Haltung, die sich darin erschöpft, den »Optimismus« zu vertreten; denn der bloße Optimismus ist nur ein versteckter Pessimismus, jener nämlich, der


Martin Heidegger (GA 51) Grundbegriffe