63
§ 13. Das Sein ist das Gesagteste und die Verschweigung

und jeden Grund und Untergrund versagt. Das Sein ist die Absage an jede Erwartung, als ein Grund dienen zu können. Das Sein erweist sich überallhin als der Ab-grund.

Das Sein ist das Abgegriffenste und zugleich der Ursprung.

Das Sein ist das Verläßlichste und zugleich der Ab-grund.



§ 13. Das Sein ist das Gesagteste und zugleich die Verschweigung


Weil wir nun aber, ausgegeben an das Seiende und ausgelassen im Seienden, erst recht und doch auf das Sein uns verlassen, kommt es auch überall ständig zu Wort. Und dies nicht etwa nur in dem durchgängigen und hinsichtlich seiner Häufigkeit auch gar nie ermessenen Gebrauch seiner ausdrücklichen Namen wie »ist« und »sind« und »war« und »wird sein« und »ist gewesen«. In jedem »Zeitwort« der Sprache nennen wir das Sein.

Sagen wir »es regnet«, dann meinen wir, daß jetzt und hier ein Regen »ist«. Auch in jedem Haupt- und Beiwort nennen wir Seiendes und nennen so das Sein des Seienden mit. »Der Krieg«: das Seiende, das jetzt »ist«. Es genügt, das »Seiende« zu nennen, und nur im ungefähren und doch ahnungsvollen Denken meinen wir das Sein dieses Seienden, nennen wir das Sein mit. In jedem Wort und Wortgefüge wird das Sein mitgesagt, wenngleich nicht jedesmal mit eigenem Namen genannt. Das Sagen sagt das Sein >mit‹, nicht als eine Zugabe und Beigabe, die auch wegbleiben könnte, sondern als die Vorgabe dessen, was jedesmal erst die Nennung von Seiendem verstattet. Sogar dort, wo wir schweigend handeln, wo wir wortlos im Seienden über Seiendes entscheiden und zu Seiendem uns, ohne es eigens zu nennen, verhalten, wird das Sein ›gesagt‹. Insgleichen dort, wo wir ›völlig sprachlos‹ stehen, gerade dort ›sagen‹ wir das Sein. Das Sein ist das Gesagteste in allem Sagen, weil Sagbares nur im Sein zu sagen ist (und sagbar nur die » Wahrheit« und ihr Ernst).


Martin Heidegger (GA 51) Grundbegriffe