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§17. Zwiespältigkeit des Seins und das Wesen des Menschen

Das Sein hat sich schon über uns geworfen und uns zugeworfen. Das Sein: sich uns zuwerfend und von uns verworfen, das nimmt sich aus wie ein »Widerspruch«. Allein, wir wollen, was sich da auftut, nicht in ein formales Schema des formalen Denkens abfangen. So wird alles nur abgeschwächt in seinem Wesen und wesenlos unter dem Schein einer >paradoxen< Formel. Dagegen müssen wir versuchen, zu erfahren, daß wir, zwischen die beiden Schranken gesetzt, in einen einzigartigen Aufenthalt versetzt sind, aus dem es keinen Ausweg gibt. Aber indem wir uns in diese Ausweglosigkeit versetzt finden, werden wir darauf aufmerksam, daß auch diese äußerste Ausweglosigkeit vielleicht vom Sein selbst herstammen könnte. Die Leitworte zeigen ja durchgängig auf eine eigentümliche Zwiefältigkeit des Seins.

Wenn das Fragen in der soeben vorgeführten Weise auf unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten stößt und das Denken in eine ausweglose Lage sich versetzt sieht, dann kann es sich nach der Art des bisherigen Denkens doch noch aus der Not helfen. Auf das zunächst liegende Verfahren, einen Widerspruch festzustellen und mit einem >Paradox< gleichsam zu spielen, haben wir zwar schon verzichtet. Denn die Preisgabe des Denkens ist doch wohl die kläglichste Art, in der es seine Aufgabe bewältigt. Allein, der bisher in den sonst üblichen Fragen der Philosophie geübten Denkungsart gemäß könnte man im Hinblick auf die jetzt erreichte Ausweglosigkeit noch andere und zwar folgende Überlegungen anstellen: Angesichts der ausweglosen Lage, daß einerseits das Sein nicht umgangen werden kann, daß das Sein aber andererseits beim Eingehen auf es sogleich zu einem »Seienden« gemacht und so doch wieder um sein Wesen gebracht wird, gibt man überhaupt die Frage nach dem Sein auf und erklärt die Frage als eine Scheinfrage. Oder aber man entschließt sich, die jetzt enthüllte Ausweglosigkeit (»Aporie«) anzuerkennen. Man muß dann mit ihr in irgendeiner Weise ins reine kommen. In solchen Fällen bietet sich als Rettung das beliebte Verfahren an, daß man aus der Not eine


Martin Heidegger (GA 51) Grundbegriffe

Basic Concepts pp. 68-69