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Das Schickliche für Menschen und Götter

Sein zu erschöpfen. Wie soll der Mensch bei solcher Verstrikkung sich darauf besinnen, daß alles Sein und Mitsein ein Sichfügen in den Fug des zugewiesenen Wesens ist. Daß der Fug nichts tut und am Seienden sich nicht zu schaffen macht, sondern es fügt, indem er das Seiende sein läßt. Dieses Lassen und Überlassen gibt das Zeichen für das hier waltende Geheimnis, daß Fügung nicht in Bewirkung besteht. Nur wenn wir lange und langsam das Seyn bedenken, kommt zuweilen ein Licht über diese Bezüge. Aber Manches davon können wir schon in günstigen Augenblicken im Umkreis des Täglichen und der geringen Dinge erkennen. Wir sagen selbst zuweilen, etwas wirke durch sein bloßes ›Dasein‹. Aber wir reden noch irr, wenn wir hier von ›wirken‹ reden; das Wesentlichere ist, daß dieses bloße Dasein gerade nicht mehr wirkt, und daß in diesem Nicht-mehr-Wirken das eigentliche Sein besteht, in dessen Wahrheit unser Mitsein mit allem Seienden ruht und daraus es ersteht.

Im ersten Anfang des abendländischen Denkens, vor der Metaphysik noch, die erst mit Platon beginnt, haben die Denker Wesentliches erkannt. Ihnen wurde klar, daß das reine Erscheinen und Aufgehen das Wahre ist; ja noch mehr, daß sogar das Nicht-in-die-Erscheinung-Heraustreten Höheres im Sein vermag als das unmittelbare Erscheinen. Heraklit sagt in einem Spruch, der unter seinen Fragmenten als das 54. gezählt wird:


ἁρμονίη ἀφανὴς φανερῆς κρείττων


»Die Fügung des Einklangs, die sich nicht preisgibt in das Erscheinen, vermag Höheres denn die erscheinende.«

So werden wir dahin geleitet, ernst zu machen mit dem Gedanken, daß das Sichentziehen und die Verbergung selbst das Seiende seiender sein lassen als jeder wirkende Umtrieb der Verursachung. Im weggehenden Seinlassen wird das Wahre offenkundig. In seiner Dichtung »Der Tod des Empedokles«, erste Fassung, hat Hölderlin dies für den besonderen Bereich

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