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Die Suche nach dem freien Gebrauch des Eigenen

dicht »Reif sind, in Feuer getaucht...«, das bald nach »Andenken« entstanden ist (1805), dieses sagt (IV, 71):


.......... Undvieles
Wieaufden Schulterneine
Lastvon Scheiternist
Zubehalten.


Wundern wir uns, wenn der also wissende Dichter die Muse gefragt und sie auch schon verstanden hat in dem, was sie selbst will und was sie gemäß diesem Willen vom Dichter fordert: daß er vom Höchsten schweigen muß? Schweigen heißt hier: Alles Zu-sagende so sagen, daß es als das Verschwiegene geahnt und als das Geahnte zu dem wird, was all das langharrende Suchen durchstimmt und bestimmt. Wo ist im Gedicht »Andenken« dieses Schweigen? Im Übergang von der zweiten Strophe, in deren Schluß sich das Grüßen des anderen Landes und Festes vollendet, zur dritten Strophe. Zwischen beiden ist ein Abgrund; steil abfallend und ragend stehen wie Wände der Schluß der zweiten Strophe, die ja die erste mit einschließt, und der Beginn der dritten.

In diesem Abgrund ist das Schweigen des Zu-erschweigenden und Verschwiegenen.


45. Der Ubergang von der zweitenzurdritten Strophe.
Die Gründung im Heimischen


Der Übergang von der zweiten zur dritten Strophe geht über einen Steg und enthält eine Entscheidung. Die dritte Strophe lautet:


Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süss
Wär’ unter Schatten der Schlummer.


Martin Heidegger (GA 52) Hölderlins Hymne »Andenken«

GA 52