ERSTER TEIL


DAS DICHTEN DES WESENS DER STRÖME -

DIE ISTER-HYMNE


1. Thema der Vorlesung: Anmerkungen zu Hölderlins Hymnen-Dichtung


Diese Vorlesung versucht, auf einige der Dichtungen Hölderlins aufmerksam zu machen, die man »Hymnen« nennt. Der Titel »Hymne« ist die deutsche Wortform des griechischen Wortes ὕμνος, was bedeutet Gesang, Lied, im besonderen dann den Gesang zum Preise der Götter und zum Ruhme der Helden und zur Ehrung der Sieger in den Kampfspielen. ὑμνεῖν: singen, preisen, rühmen, feiern und weihen und so das Fest berei ten. So treffen wir auf die sprachliche Wendung, in der Hauptund Zeitwort ὕμνος und ὑμνεῖν unmittelbar geeinigt sind. Als schönstes Beispiel kennen wir die Worte der Antigone in der Tragödie des Sophokles, die V. 806 ff. beginnen:


ὁρᾶτ᾽ ἔμ᾽, ὦ γᾶς πατρίας πολῖται,

»Seht mich, ihr der väterlichen Erde Männer ... «,


und die dann schließen:


οὔτ᾽ ἐπινύμφειός πώ μέ τις ὕμνος ὕμνησεν

»auch nicht als Bereitung des Festes feiert mich je ein Feiergesang«.


In welchem Sinne aber und mit welchem Recht die im folgenden genannten Dichtungen Hölderlins »Hymnen« heißen dürfen, muß zunächst offen bleiben. Zuerst sollen wir aufmerksam werden für diese Dichtung. Aufmerksam geworden, können wir dann manches uns »merken«, und d. h. behalten, woran wir vielleicht in guten Augenblicken etwas »merken«,


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53