Landschaftsschilderungen sind, was sie offensichtlich nicht sein wollen.
Wenn nun aber Hölderlins Hymnendichtung ein Nennen ist und das Nennen das Genannte erst ins Wesen hebt und dichtet, dann können die Stromdichtungen nicht Gedichte »über« Ströme sein, wobei diese, in ihrem Wesen schon bekannt, als Bild-und Kennzeichen für anderes genommen werden. Wir behaupten deshalb: Hölderlins Stromdichtung, ja seine Hymnendichtung im Ganzen, ist nicht sinnbildlich. Darin liegt die weitertragende Behauptung: Diese Dichtkunst ist nicht metaphysisch. Insofern es Kunst im strengen abendländischen Begriff nur als metaphysische Kunst gibt, ist Hölderlins Dichtung, wenn sie nicht mehr metaphysisch ist, auch nicht mehr »Kunst«. Das Wesen der Kunst und der Metaphysik genügen nicht, um dieser Dichtung den ihr gemäßen Wesensraum zu leihen. Diese Dichtung ist aber, wenn sie nicht metaphysisch ist, auch keine »Philosophie«; denn alles Denken, das seit Platon » Philosophie« heißt, ist Metaphysik.
Der Satz: Hölderlins Dichtung ist nicht sinnbildlich, möchte nun aber zunächst nur als Anmerkung genommen werden, die uns helfen soll, auf die eine Stromdichtung »Der Ister« aufmerksam zu werden, das in ihr Gesagte deutlicher zu vernehmen. Hölderlins Strom dichtung faßt also nach der vermerkten Behauptung den Strom nicht als »Bild« für einen in irgendeinem Hintergrund wartenden hintergründigen Sinn. Der Strom ist nicht Symbol und Kennzeichen. Nun sagt aber die Isterhymne selbst V. 49 ff. dieses:
... Umsonst nicht gehn
Im Troknen die Ströme. Aber wie? Sie sollen nemlich
Zur Sprache seyn. Ein Zeichen braucht es, ...
Wird uns hier nicht in aller handgreiflichen Deutlichkeit gesagt, daß die Ströme »zur Sprache« sind, also »Ausdruck«, und daß sie »Zeichen« sind — also Kennzeichen für anderes? Der Dichter bezeugt doch selbst das Sinnbildhafte seiner Dichtung.