des geschichtlichen Menschen auf dieser Erde. Hölderlin denkt die Erde, wie es z. B. der Name »Hertha« ankündigt, als Göttin. Hölderlin denkt die Erde nicht »irdisch« im christlichen Sinne als das von dem einen und einzigen Schöpfergott Geschaffene, zu dem derselbe Gott als Erlöser in Menschengestalt herabgestiegen. Nun ist dies freilich leicht gesagt, die Erde sei für Hölderlin die »Mutter Erde« und diese sei Göttin. Seitdem Norbert von Hellingrath den Deutschen erstmals den Blick für Hölderlins Dichtung geöffnet hat, steigt nun auch die Gefahr, daß man in der Literaturwissenschaft von »Hölderlin und seinen Göttern« redet wie von sonst einem literarischen Gegenstand. Da es üblich geworden ist, statt der Werke der Dichter und Denker nur die Bücher » über« sie, oder gar noch Auszüge aus solchen Büchern zu lesen, verschärft sich die Gefahr noch einmal, daß die Meinung sich verfestigt, die Götter in der Dichtung Hölderlins ließen sich auf literarischem Wege feststellen und erörtern. Es macht im Wesentlichen keinen Unterschied, ob man dazu noch die christliche Theologie zuhilfe ruft und darlegt, daß die Götterlehre Hölderlins eine Verfallsform des einen wahren christlichen Monotheismus sei, oder ob man mit Hilfe der Mythologie der Griechen und ihrer Abwandlung bei den Römern die Götter »erklärt«. Dieser oft gut gemeinte Eifer hat außerdem das Verfängliche, daß er sich an Tatsachen hält. So kommen also in Hölderlins Dichtungen Götter vor. Der Dichter spricht von ihnen. Laßt uns untersuchen, was er darüber zu sagen hat. Was kann überzeugender sein als Tatsachen und die Berichte darüber?
Als ob dieses dichterische Nennen der Götter sich in einem gleichgültigen und zugänglichen Raum abspielte und gar in dem, den die eifrigen Untersucher selbst mitbringen und der sich deckt mit dem, was die Metaphysik seit zwei Jahrtausenden über Natur, Geschichte, Mensch, Gott festgelegt hat.
Man könnte sich denken, daß eines Tages eine genaue, vollständige, philologische, historische, theologische und metaphysische Auslegung der Dichtung Hölderlins alles zusammengebracht