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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

des Geistes« zum Thema hat. In der Erkenntnis, daß es sich hier notwendig um ein Übersetzen handelt, liegt die Anerkennung, daß solche» Werke« ihrem Wesen nach übersetzungs-bedürftig sind. Diese Bedürftigkeit ist aber kein Mangel, sondern ihr innerer Vorzug. Mit anderen Worten: Im Wesen der Sprache eines geschichtlichen Volkes liegt es, gleich einem Gebirge zumal in die Ebene und in das Flache auszulaufen und zugleich mit seltenen Gipfeln in sonst unzugängliche Höhen hinaufzuragen. Dazwischen sind die »halben Höhen« und »Stufen«. Das Auslegen als Übersetzen ist zwar ein Verständlichmachen — freilich nicht in dem Sinne, wie der gemeine Verstand dies meint. Um im Bild zu bleiben: Der Gipfel eines dichterischen oder denkerischen Sprachwerks darf durch die Übersetzung nicht abgetragen und das ganze Gebirge auf das Flachland des Oberflächlichen eingeebnet werden, sondern umgekehrt: Die Übersetzung muß auf den Pfad des Aufstiegs zum Gipfel versetzen. Verständlichmachen darf nie heißen, eine Dichtung und ein Denken jedem beliebigen Meinen und dessen Verständnis-Horizont anzugleichen; verständlich machen heißt, das Verständnis dafür wecken, daß der blinde Eigensinn des gewöhnlichen Meinens gebrochen und verlassen werden muß, wenn die Wahrheit eines Werkes sich enthüllen soll.

Diese Zwischenbemerkung über das Wesen des Übersetzens möchte daran erinnern, daß die Schwierigkeit einer Übersetzung niemals eine bloß technische ist, sondern daß sie das Verhältnis des Menschen zum Wesen des Wortes und zur Würde der Sprache angeht. Sage mir, was du vom Übersetzen hältst, und ich sage dir, wer du bist.


b) Zur Übersetzung von τὸ δεινόν


Wir sollen das Grundwort des Chorliedes, das ein Grundwort dieser Tragödie, ja des Griechentums selbst ist, übersetzen. Was bedeutet τὸ δεινόν? Das Wörterbuch gibt die Auskunft: δεινόν


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

Hölderlin’s Hymn “The Ister” p. 62

GA 53