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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

zeigt an, daß ein geschichtliches Volk nicht von selbst, und d. h. nicht ohne sein Zutun, in seiner eigenen Sprache beheimatet ist. Daher kann es sein, daß wir zwar »deutsch« sprechen, und doch ganz» amerikanisch« reden.

Wenn zur Geschichtlichkeit wesentlich das Heimischwerden gehört, dann kann auch ein geschichtliches Volk niemals von selbst und unmittelbar in der eigenen Sprache das Genügen seines Wesens finden. Ein geschichtliches Volk ist nur aus der Zwiesprache seiner Sprache mit fremden Sprachen. Vermutlich lernen wir deshalb auch heute noch Fremdsprachen. Wir sowohl wie die Japaner lernen die englisch-amerikanische Sprache. Dies hat seine eigene technisch-praktische Notwendigkeit, die niemand anzweifelt, der bei Verstand ist. Die Frage bleibt nur, ob wir außer der Nützlichkeit solcher Sprachkenntnisse auch ihre wesentliche Gefahr kennen. Sie liegt darin, daß wir nun überhaupt jeden Bezug zur fremden Sprache einzig aus dem geläufigen technischen Verhältnis zu den geläufigen Fremdsprachen beurteilen. Tun wir das, dann gilt uns z. B. das Übersetzen für nichts anderes als eine technische Vorkehrung. Das »übersetzen« ist eine Art »Umleitung« des sprachlichen Verkehrs. Wir ahnen kaum noch etwas davon, daß das übersetzen eine Zwiesprache sein kann, gesetzt nämlich, daß die zu übersetzende Sprache noch die Art einer wesenhaften Sprache hat. »Übersetzen« ist gar nicht so sehr ein »Ober-setzen« und Hinübergehen in die fremde Sprache mit Hilfe der eigenen. Das übersetzen ist vielmehr eine Erweckung, Klärung, Entfaltung der eigenen Sprache durch die Hilfe der Auseinandersetzung mit der fremden. Technisch gerechnet ist das übersetzen das Ersetzen der fremden Sprache durch die eigene oder umgekehrt. Aus der geschichtlichen Besinnung gedacht ist das übersetzen die Auseinandersetzung mit der fremden Sprache umwillen der Aneignung der eigenen. Damm ist es freilich nicht gleichgültig, ob man überhaupt keine Fremdsprachen mehr lernt oder ob man z. B. nur Englisch-Amerikanisch zu technisch-praktischen Verkehrszwecken lernt oder ob wir (allerdings


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53