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Das Unheimliche als Grund des Menschen

lichkeit entsteht nicht erst zufolge des Menschentums, sondern dieses kommt aus der Unheimlichkeit und bleibt in ihr — es ragt aus ihr heraus und regt sich in ihr. Das Unheimliche selbst ist im Wesen des Menschen das Hervor-ragende und in allen Regungen und in jeder Regsamkeit sich regende: das Anwesende und zugleich Abwesende.

Noch sind wir gewohnt, das Unheimliche mehr im Sinne eines Eindruckscharakters zu nehmen, statt es als die Grundart des Wesens des Menschen zu denken. Allein, wenn wir auch entschiedener versuchen, das Unheimliche als das Unheimische zu fassen, erliegen wir noch leicht der Gefahr, diesen Wesenszug des Menschen, dem Wortlaut gemäß, nur negativ zu denken: das bloße Nicht-sein — nämlich im Heimischen, das bloße Fortgehen und Ausbrechen aus diesem. Für diese Fassung des Unheimischen scheint ja auch all das zu sprechen, was in der ersten Strophe und ihrer Gegenstrophe folgt.


Der fährt aus auf die schäumende Flut —


Aber das ist doch kein bloßes heimatloses Umherirren, das einen Ort nur aufsucht, um ihn alsbald zu verlassen und im bloßen Umherfahren die Lust und das Genügen zu haben. Der Mensch ist hier nicht der Abenteurer, der aus seiner Bodenlosigkeit heimatlos bleibt. Vielmehr sind Meer und Land und die Wildnis die Bereiche, die der Mensch mit all seiner Geschicklichkeit umschafft, nutzt und zu dem Seinigen macht, damit er durch sie sein Hiesiges finde. Das Heimische wird gesucht und im gewalttätigen Durchgang durch das dem Meer und der Erde Ungewohnte erstrebt und dabei gerade nicht erreicht. Wäre der Unheimische nur der bloße Abenteurer, dann könnte er nicht einmal ein δεινός, unheimlich, sein im Sinne des Fürchterlichen und Gewaltigen; denn der Abenteurer ist höchstens sonderbar und interessant, aber er erreicht nicht den höheren Bezirk des δεινόν, zu dessen Wesen das Gegenwendige gehört, was im Mittelstück der zweiten Strophe (V. 360) ausgesprochen ist.


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53