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Fortsetzung der Erläuterung des Wesens der πόλις

Wesen, will nicht sagen, daß er am meisten Furcht erregt und Schrecken einjagt. So wäre das Unheimliche lediglich genommen als Eindruck, den es auf uns macht. Das Unheimliche will aber nicht eindruckshaft verstanden, sondern aus dem Un-heimischen begriffen werden, welches Unheimische der Grundzug des Aufenthaltes des Menschen inmitten des Seienden ist.


b) Das Offene


Dieser Aufenthaltscharakter des Menschen aber gründet darin, daß überhaupt das Sein sich dem Menschen geöffnet hat und dieses Offene ist, als welches Offene es den Menschen für sich einnimmt und so dazu bestimmt, in einer Stätte zu sein. Wir sprechen hier vom Offenen im Hinblick auf das, was im recht verstandenen Wort und Begriff ἀλήθεια, Unverborgenheit des Seienden, selbst gesagt ist. Das Seiende ist als Unverborgenes im Offenen. Dieses Offene hat seinem Wesensbegriff nach einen eindeutigen und einzigen Bezug und Gehalt zu dem, was im Anfang des abendländischen Denkens erfahren wurde und freilich alsbald als Grunderfahrung verloren ging. Das so verstandene Offene zu »sehen«, ist die Auszeichnung des Menschen. Das Tier ist gerade dadurch Tier, daß es das so verstandene Offene nicht sieht, und deshalb kann es auch nicht das »Ist« und das Sein sagen, d. h. überhaupt nicht sagen. Das Tier ist ἄλογον — ohne das Wort.2

Die Unheimlichkeit des Menschen hat ihr Wesen in der Unheimischkeit, diese aber ist, was sie ist, nur dadurch, daß der


2 Wenn Rilkes achte Duineser Elegie beginnt: »Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene«, dann ist nach dem Gesagten deutlich, daß unser auf die ἀλήθεια zeigender Begriff des Offenen, wenn er überhaupt mit Rilkes Wort vergleichbar ist, höchstens das völlige Gegenteil zu diesem denkt. Der Grund des tief unwahren Wortes von Rilke ist derselbe, der die Metaphysik Nietzsches trägt, welchen Grund wir ungenau und schlagwortmäßig als den nichtbewältigten Biologismus bezeichnen können. Dieses nur beiläufig, weil das gedankenlose Zusammenwerfen meines Denkens mit Rilkes Dichtung bereits zur Phrase geworden ist.


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53