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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

Das Politische bestimmt sich aus der bewußtseinsmäßig begriffenen, d. h. »tedlllisch« erfahrenen Geschichte. Das »Politische« ist der Vollzug der Geschichte. Weil so das Politische die technisch-historische Grundgewißheit alles HandeIns ist, wird das »Politische« durch die unbedingte Fraglosigkeit seiner selbst ausgezeidmet. Die Fraglosigkeit des »Politischen« und seine Totalität gehören zusammen. Der Grund dieser Zusammengehörigkeit und ihr Bestand beruht aber nicht, wie naive Gemüter glauben, auf der zufälligen Willkür von Diktatoren, sondern sie gründet im metaphysischen Wesen der neuzeitlichen Wirklichkeit überhaupt. Diese aber ist grundverschieden vom Sein, in dem und aus dem das Griechentum geschichtlich war. Für die Griechen ist die πόλις das schlechthin Fragwür..; dige. Für das neuzeitliche Bewußtsein ist das »Politische« das notwendig und unbedingt Fraglose. Die Art, wie für die Griechen die πόλις die Mitte des Seienden ist, bedeutet etwas völlig anderes als der unbedingte Vorrang der neuzeitlichen »Totalität des Politischen«. (Wie unbedingt dieser metaphysisch begründete Vorrang »des Politischen« gilt, zeigt sich darin, daß z. B. die kuriale Herrschaft der katholischen Kirche sich längst diese modeme politische Herrschaftsform angeeignet hat und zu behaupten versucht.)

Weil die πόλις die Stätte des Seienden ist, enthält sie auch die weitesten Ausschläge der Möglichkeiten allen menschlichen Verhaltens zum Seienden und damit des Unheimischseins. Der Grund für dieses offenbart sich aber darin, daß der Mensch das Seiende für unseiend und das Unseiende für das Seiende nehmen kann, welche Möglichkeit mit der τόλμα, mit der Wagnis, in gewisser Weise zur Notwendigkeit wird. In der Wagnis aber wagt der Mensch nicht nur dieses und jenes, er wagt dabei immer auch und zuerst sich selbst, und zwar nicht nur sich als Einzelnen, sondern sich im Wesen. Erst wenn wir nach dieser Richtung denken, treffen wir auf das eigentliche Wesen des Unheimischseins.

Daß im Wort δεινόν, genauer im Wort vom Menschen als


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53