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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

ohn Wahrheit bei dir selbst du gehst, den Freunden freilich wahrhaft Freundin bleibst.


Dieses sehr hintergründige Wort der Ismene schließt das Zwiegespräch der Schwestern ab. Das unmittelbar voraufgehende Wort der Ismene ist jedoch dasjenige, worin sich alles sammelt, was in diesem Zwiegespräch ans erste Licht kommen soll. Und was so gleich am Beginn, obzwar noch unbegriffen, erscheinen muß, das ist nichts anderes als das Wesen der Antigone. Das vorletzte Wort der Ismene in diesem Gespräch lautet:


I. ἀρχὴν δὲ θηρᾶν οὐ πρέπει τἀμήχανα.

Als Anfang aber jenes zu erjagen, unschicklich bleibt's, wogegen auszurichten nichts.


Zur Verdeutlichung dieses Wortes bedarf es einiger Hinweise auf den Bau des ganzen Verses, dem Ähnliches wir in aller Dichtung sonst vergeblich suchen. Am betonten Beginn steht: ἀρχήν und am gleichbetonten Versende: τἀμήχανα.

τἀμήχανα — das, wogegen nichts auszurichten ist und was daher selbst das schlechthin Unausrichtbare bleibt. Dies aber ist das Zu-geschickte, das Geschick und sein Wesensgrund. Denken wir den Vers vom Ende her, dann sagt der Spruch, das Unausrichtbare zum alles bestimmenden Anfang (Ursprung) alles menschlichen Seins zu machen, ist nicht schicklich. Nun wird im Bau des Spruches eben dieses, daß es unschicklich bleibt, zwischen die wesentlichen Worte am Beginn und Ende gerückt, so daß dieses Unschicklichsein die Spannung trägt, die im Vers sich zwischen das Unvereinbare ἀρχή und τἀμήχανα legt. Ein deutscher Dichter müßte diesen Spruch in seinem erstaunlichen Gefüge sagen können. Unsere Übersetzung ist nur ein schwerfälliger Notbehelf, dem allein an der Verdeutlichung des Wortes liegt.


Als Anfang aber jenes zu erjagen, unschicklich bleibt's, wogegen auszurichten nichts.


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53