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Die Zwiesprache von Antigone und Ismene

Nur um die Schwierigkeit der Übertragung und deren Ferne vom ursprünglichen Wort anzudeuten, sei Hölderlins Übersetzung dieses Verses angeführt:

Gleich Anfangs muß Niemand Unthunliches jagen (V, 191).

Diese Übersetzung trifft das Wesentliche nicht, trotz ihres dichterischen Charakters. ἀρχή bedeutet das, wovon etwas ausgeht, so zwar, daß das, wovon etwas ausgeht, nicht zurückbleibt, sondern über alles hinweg, was von ihm ausgeht, vorauswaltet und es bestimmt. ἀρχή bedeutet zumal Beginn, Ausgang, Ursprung, Herrschaft. Zwar kann ἀρχή für sich genommen sehr oft nur soviel bedeuten wie »gleich anfangs« und »zunächst«. So drückt das Wort nur die Ordnung einer Abfolge aus. Allein, im Wort der Ismene ist doch ἀρχήν im Hinblick auf τἀμήχανα, das Unausrichtbare, gesagt, d. h. auf jenes, worüber der Mensch keine Herrschaft und Verfügung hat. Und zu alldem steht das Wort hier in einem dichterischen Zusammenhang. Es hat daher aus vielerlei Gründen nicht die Bedeutung, die ihm in der Alltagssprache zukommen kann. Das ἀρχήν, in der bloß »zeitlichen« Bedeutung genommen, würde außerdem den »merkwürdigen« Sinn, d. h. Unsinn ergeben, im Beginn das Unausrichtbare zu erjagen, zieme sich nicht, aber später und am Ende könnte das wohl erlaubt sein. Eine andere neuere Übersetzung zieht offenbar das οὐ im Vers zu ἀρχήν und versteht dieses im Sinne von ἀρχήν οὐ, was bedeutet: überhaupt »nicht« — nämlich geziemt es sich, das Unausführbare zu erstreben. Die Übersetzung des Verses lautet demzufolge:

Man soll nicht jagen nach Unmöglichem.

Das ist ein Gemeinplatz ohne jeden Bezug zu dem, was im Gespräch zum Wort kommt; gleich als sei Haltung und Verhalten der Antigone irgendein beliebiges menschliches Tun, auf das »man« allgemeine »Lebensregeln« anwendet. Gleich als sei das, worauf Antigones »Jagen« geht, nicht τἀμήχανα. Das,


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53