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Die Zwiesprache von Antigone und Ismene

Wenn dies du sagst, im Haß stehst du, der mir entstammt, im Haß auch trittst entgegen du dem Toten, wie sich's schickt.


Damit übernimmt Antigone dies in ihr eigenstes Wesen, nämlich als den alles beherrschenden Ausgang das zu erj agen, wogegen auszurichten nichts. Sollte das Wort der Ismene nur den Gemeinplatz zum besten geben, man dürfe nichts Unmögliches wollen, dann wäre nicht einzusehen, weshalb das Festhalten an einer Lebensklugheit den Haß der Schwester, ja sogar den Haß des toten Bruders erwecken sollte. Auch würden wir die Gestalt der Antigone herabsetzen, wollten wir unterstellen, Ismene ahnte überhaupt nichts von dem, wozu die Schwester entschieden ist, Ismene spielte, modem gedacht, die Rolle der Ahnungslosen und Naiven. Was zur Entscheidung steht, ist beiden klar, wenngleich in einer verschiedenen Art des Wissens.


a) Das Wesen der Antigone — das höchste Unheimliche. παθεῖν τὸ δεινόν


Antigone weiß, daß ihr niemand die Entscheidung abnehmen kann und daß sie sich in nichts abschwächen läßt. Daher sagt sie im unvermittelten Übergang vom harten Wort zur Milde dieses:

— ἀλλ᾽ ἔα με καὶ τὴν ἐξ ἐμοῦ δυσβουλίαν
doch überlaß dies mir und jenem, was aus mir Gefährlich-Schweres rät.


Und wohin geht dieser Rat?


παθεῖν τὸ δεινὸν τοῦτο
ins eigne Wesen aufzunehmen das Unheimliche, das jetzt und hier erscheint.


So fällt das entscheidende Wort: tO önvov. Es ist das dritte Wort, aber das Kern-Wort, das innerhalb der kurzen Wechselrede unmittelbar in das Chorlied verweist. παθεῖν τὸ δεινόν. παθεῖν erleiden, ertragen. Darin liegt zunächst, daß das Unheimische


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53