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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

nichts ist, was der Mensch selbst macht, sondern was umgekehrt ihn macht zu dem, was er ist und der er sein kann. παθεῖν bedeutet hier jedoch nicht die bloße »Passivität« des Hinnehmens und Duldens, sondern das Aufsichnehmen — ἀρχὴν δὲ θηρᾶν, das Durchmachen bis zum Ende: das eigentliche Erfahren. Dieses παθεῖν — das Erfahren des δεινόν, dieses Erleiden und Leiden ist der Grundzug jenes Tuns und Handelns: τὸ δρᾶμα, was das »Dramatische«, die »Handlung« der griechischen Tragödie ausmacht. Doch eben dieses παθεῖν ist auch der eigentliche Bezug zum δεινόν, dieses Wort in seiner ganzen Wesensfülle und rätselhaften Mehrdeutigkeit genommen.

In der griechischen Tragödie sind die »Helden« und »Heldinnen«, wenn wir überhaupt dies Wort gebrauchen dürfen — weder» Dulder« noch» Märtyrer« im christlichen Sinne, noch die oft mit viel Getöse und Aufwand daherfahrenden »Herren« im neuzeitlichen dramatischen Kunstwerk. »Das Tragische« bemißt sich nicht, wie der modeme Mensch meint, nach der psychologisch »erlebbaren« Leidenschaftlichkeit der genialen Persönlichkeit, sondern nach der Wahrheit des Seins im Ganzen und nach der Einfachheit, in der es erscheint. Deshalb geschieht in der griechischen Tragödie fast nichts. Sie fängt an mit dem Untergang. Was ist dieses» Unheimliche«, worin Antigone sich endgültig beraten weiß durch einen Rat, dessen Düsternis und Gefährlichkeit und Schwere sie kennt? Das Unheimliche ist nichts anderes als dieses, daß sie zum alles bestimmenden Ausgang jenes nimmt, wogegen nichts auszurichten ist, weil es das Zu-geschickte-Erscheinen (ἐφάνη, V. 457) ist, von dem keiner weiß, woher es aufgegangen. Indem sie in dieses sich schickt (παθεῖν), wird Antigone aus allen menschlichen Möglichkeiten herausgesetzt und in den unmittelbaren ·Widerstreit zur Stätte alles Seienden und in die Aufhebung des Bestandes des eigenen Lebens gesetzt. Antigone ist im Unheimischen in einer Weise, die jedes andere Unheimischsein übertrifft. Sie überragt die Stätte alles Seienden nicht nur wie Kreon, der innerhalb ihrer in seiner Weise hochragt, sondern


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53