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Die Zwiesprache von Antigone und Ismene

Antigone tritt sogar und überhaupt aus dieser Stätte heraus. Sie ist unheimisch schlechthin. τὸ δεινὸν τοῦτο — dies Unheimliche, das Antigone auf sich nimmt, ist keineswegs das Furchtbare und Ungewöhnliche des frühen Todes, den zu erfahren sie als Gewißheit vor sich sieht, denn ihr Sterben ist ja, wenn es überhaupt etwas ist, das, was das καλῶς ausmacht, die Zugehörigkeit zum Sein. Ihr Sterben ist ihr Heimischwerden, aber das Heimischwerden in jenem und aus jenem Unheimischsein. Dies Heimischwerden dürfen wir weder christlich mißdeuten, noch das καλῶς θαωεῖν in das kitschige »in Schönheit sterben« verfälschen.

Rührt das jetzt Vermerkte an die verborgene Wahrheit dieser griechischen Tragödie, dann ist Antigone nicht nur auch ein δεινόν. Sie gehört als menschliches Wesen nicht nur auch zum Unheimlichsten, was innerhalb des Seienden ragend sich regt, sondern Antigone ist innerhalb des Unheimlichsten das höchste Unheimliche. Aber gibt es denn innerhalb dessen, was an sich schon das Unheimlichste ist, überhaupt noch eine Steigerung? Gewiß — wenn wir die Steigerung nicht quantitativ, sondern wesenhaft denke~ und wenn wir das unheimlichste Seiende aus seinem Wesen begreifen: daß nämlich jenes das unheimlichste Seiende ist, was in sich unheimisch ist. Aber dieses Un-heimischsein und eben dieses trägt dann noch einmal Möglichkeiten der »Steigerung« in sich. Wie, wenn das zuinnerst Unheimische, allem Heimischen also Fernste, jenes wäre, was in sich zugleich die innigste Zugehörigkeit zum Heimischen bewahrt? Wie, wenn überhaupt nur dieses im eigentlichen Sinne unheimisch sein könnte? Doch was ist hier das Heimische? Wir müssen zuvor anderes klären.

Wenn nämlich jetzt Antigone der unheimischste Mensch ist, und somit das Unheimlichste alles Unheimlichsten, dann wird doch sie zuerst vom Schlußwort des Chores getroffen. Gilt dann nicht ihr die Verstoßung zuerst? Dieses Schlußwort beruft sich auf einen Herd, von dem das unheimlichste Seiende verstoßen bleiben soll.

GA 53