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Die Zwiesprache von Antigone und Ismene

miteinander anwest und d. h. überhaupt ist. Das lateinische Vesta ist der römische Name für die Göttin des Herdfeuers. Ihre Priesterinnen hießen» Vestalinnen«. παρά: neben -bei, genauer: im Umkreis derselben Anwesenheit; παρέστιος, der mit in dem Umkreis der Behütung und der Traulichkeit der Heimstatt anwesend ist und in den Glanz und die Wärme und in den Strahl dieses Feuers gehört.

Wer spricht nun im Schlußwort des Chorgesanges das μήτ᾽ ἐμοὶ παρέστιος γένοιτο aus?, »Nicht werde dem Herde ein Trauter mir der ...«? Wer verstößt mit diesem Wort den Unheimlichsten vom Herde? Doch offenbar die thebanischen Alten. Sie müssen sich also auf die Zugehörigkeit zum Herde berufen können. Sie müssen die Heimischen sein. Wer gibt ihnen aber das Recht, sich auf die Heimstatt zu berufen? Sind sie denn nicht auch Menschen? Gilt von ihnen nicht auch das Wort, das ihr Gesang am Beginn ausspricht? Welches immer die Antwort auf diese Fragen sein mag, dies wird doch mit einem Mal deutlich, daß aus dem Chorgesang ein Wissen vom δεινόν spricht und davon, daß innerhalb des Unheimlichen der Mensch das Unheimlichste ist. Solches Wissen muß aber doch schon über das Unheimliche und über das unheimlichste Seiende hinauswissen. Solches Wort muß mehr, d. h. hier Wesentlicheres wissen als nur dies, daß der Mensch das Unheimlichste alles Seienden ist. Und wenn das Unheimlichste im Unheimischsein besteht, dann muß dieses Wissen dem Un-heimischen, ja es muß dem Heimischen näher sein und aus dieser Nähe das Gesetz des Unheimischseins ahnen. In der Tat berufen sich auch diejenigen, die den Unheimischsten vom Herde verstoßen, in demselben Wort auf ein Wissen, das sie als das ihrige gegen das der anderen unterscheiden:

μήτ᾽ ἴσον φρονῶν
nicht auch teile mit mir sein Wähnen mein Wissen

Die übersetzung soll für uns deutlicher herausheben, daß der Verstoßene nicht das eigentliche Wissen vom Herde hat und


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53