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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

haben kann. Sein Wissen muß ein Wähnen bleiben, das leicht zum bloßen Wahn herabsinkt und darin sich verhärtet. Welcher Art jedoch das eigentliche Wissen sei, von dem der Unheimlichste ausgeschlossen wird, sagt dies Wort nicht. Wenn aber die Ausschließung und die unterscheidende Absetzung von Wissen und Wissen gerade dort am nötigsten ist, wo sich der Anschein breit macht, das Wissen sei jedesmal Laov — das Gleiche, dann muß auch das eigentliche Wissen dem Schein nach so aussehen wie das Wähnen. So sieht in der Tat das aus, was wir das Ahnen nennen, worunter wir jedoch keineswegs nur den ersten bloßen Schimmer des Wissens verstehen dürfen. Das dürften wir nur dann, wenn das »eigentliche Wissen« in einer unbedingten »theoretischen« Gewißheit von der Art der mathematischen Kenntnis und Beweisbarkeit bestünde. Allein, das Wissen der echten Ahnung ist anderen Wesens und duldet nicht den Vergleich mit einer Form des Kennens, das den Gewinn der Zweifellosigkeit mit dem Verlust aller Wesentlichkeit bezahlt, aber auch bezahlen kann und gern bezahlt, weil dieses Wissen nur das Rechnen ist und mit den Zahlen umzugehen weiß. (Das Rechnen als eine Art des echten Wahns.) Jenes Wissen aber, das den Unheimlichsten vom Herde verstößt, kann aber selbst doch nur vom Herde wissen, wenn es einer Zugehörigkeit zum Herde entstammt. Von dieser spricht der Chorgesang nirgends. Aber muß denn alles, was gesagt wird, auch ausgesprochen sein? Muß nicht vielleicht das eigentlich zu Sagende verschwiegen werden? Wo anders freilich kann es verschwiegen sein als im Gesagten?

Steht es so, dann verbirgt sich im ausgesprochenen Wort des Chorgesanges ein Anderes. Der »Inhalt« des Ausgesprochenen erschöpft nicht die Wahrheit des Gesagten. Darüber müssen wir uns im voraus klar geworden sein, sobald wir uns anschikken, diese griechische Tragödie und in ihr diese Dichtung auch nur in den schwächsten Umrissen zu fassen. Daß die Wahrheit des Chorgesanges sich im vorhinein nicht in dem »Inhalt« erschöpft, der sich in der Anmessung an den Wortlaut »angeben«


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53