134
Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

daß es diese Auslegung vielmehr als die allein mögliche eindeutig fordert.

Allein, mit dieser Einsicht kommen wir nun erst an den echten Beginn des Verstehens. Denn jetzt gilt es folgendes zu bedenken: Wenn das Unheimliche als ein solches nur wißbar ist vom Heimischen her, dann muß alles Sagen vom δεινόν bereits über dieses hinausgedacht haben. Doch wohin hinaus? In der Richtung auf das Heimische, den Herd. Allein, das Wissen von diesem spricht sich nicht unmittelbar aus. Es nennt sich aber selbst ein φρονεῖν, ein Sinnen und Sichbesinnen, das aus der φρήν. d. h. aus dem »Herzen« kommt, aus der innersten Mitte des Menschenwesens selbst. Und worauf geht dieses mitte-hafte Wissen? Wenn dieses »herzhafte« Wissen ein Ahnen ist, dann werden wir dieses Ahnen niemals für ein im Unklaren verschwimmendes Meinen halten dürfen. Es hat seine eigene Helle und Entschiedenheit und bleibt doch von der Selbstsicherheit des rechnenden Verstandes grundverschieden. Was weiß dieses Wissen und was muß es wissen?



18. Der Herd als das Sein.
(Erneutes Bedenken des Anfangs des Chorliedes und des Schlußwortes.)


Die Antwort auf diese Frage wird uns glücken, wenn wir das entscheidende Wort noch einmal bedenken, mit dem der Chorgesang beginnt und dessen Auslegung der Chorgesang selbst ist:


πολλὰ τὰ δεινά κοὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει·
Vielfältig das Unheimliche, nichts doch
über den Menschen hinaus Unheimlicheres ragend sich regt.


Worauf blickt dieser Spruch hinaus? Er spricht vom Unheimlichen; er spricht vom Unheimlichsten; er spricht aus, daß der Mensch im Vielfältigen des Unheimlichen das Unheimlichste


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53