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Das Heimischwerden im Unheimischsein

eigentlich in ihr keinen Platz habe. Doch was man als allgemeinen Gehalt mißversteht, ist die Einzigkeit des Sagens vom Einzigen δεινόν und seinem Wesensgrund, und dieses erscheint in der einzigen Gestalt der Antigone. Sie ist das reinste Gedicht selbst.

Das dichterisch zu Sagende ist die dichterische Wahrheit. Das dichterisch wahre Wort ist jenes Wort, das das dichterisch Seiende nennt. Aber was ist das dichterisch Seiende? Was heißt hier überall »dichterisch«?] las Dichterische scheint das zu sein, was ein Dichter sagt. Aber was sagt der Dichter? Was hat er als Dichter zu sagen, daß er dann durch dieses Sagen ein Dichter ist?

Der Dichter sagt nicht erst das, was er gedichtet hat, als sei das dichterische Wort nur die sprachliche Fassung und Aussage des Gedichteten, das meint, des phantasiemäßig Gestalteten. Vielmehr ist das dichterische Sagen selbst das Dichten. Der Dichter dichtet jenes, was seinem Wesen nach ein Zu-Dichtendes ist. Das Dichterische läßt sich nie aus dem Dichter, sondern dieser nur aus dem Wesen der Dichtung begreifen. Deren Wesen müssen wir erfragen im Ausblick auf das, was das Zu-Dichtende ist, und zwar in notwendiger Weise.

Das wesensnotwendig Zu-Dichtende liegt in dem verborgen, was sich niemals irgendwo und irgendwann und irgendwie als etwas Seiendes-Wirkliches innerhalb des Wirklichen antreffen und finden läßt. Das wesenhaft Zu-Dichtende ist das, was sich im Seienden als Seiendes niemals finden läßt, was vielmehr, vom findbaren Seienden aus gesehen, nur er-funden werden kann. Aber dieses dichtende Er-finden ist nicht das Er-finden eines Seienden, sondern es ist ein reinstes Finden eines reinsten Suchens, das sich nicht an das Seiende hält. Das Dichten ist ein sagendes Finden des Seins. Solches Finden ist ein höchstes, nicht weil hier das Zu-findende noch ganz verborgen, sondern weil es dasjenige ist, was dem Menschen immer schon entborgen und das Naheste alles Nächsten ist. Dieses höchste Finden ist daher kein freies Erfinden im Sinne des willkürlichen Einbildens.


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53