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Die Deutung des Menschen in Sophokles' Antigone

was der Dichter dichten muß. Steht es so, dann dichtet Sophokles in der Antigone-Tragödie das im höchsten Sinne Dichtungswürdige. Das Chorlied πολλὰ τὰ δεινά ... ist dann im innigsten Bezug zur Gestalt der Antigone die innerste Mitte dieser Tragödiendichtung. Und wenn demnach dieses Chorlied die höchste Dichtung des höchsten Dichtungswürdigen ist, dann könnte das wohl der Grund dafür sein, daß dieses Chorlied dem Dichter Hölderlin in der Zeit seiner Hymnendichtung immer neu zugesprochen wurde. Damit sei nicht behauptet, Hölderlin habe von diesem Bezug zur Dichtung des Sophokles in der Form der jetzt gedeuteten und begrifflich gefaßten Beziehungen eigens gewußt. Wie er es bei sich gewußt hat, können wir nie wissen. Daß Hölderlin aber im Dichten der Ströme (und d. h. der Ortschaft und Wanderschaft des geschichtlichen Menschen) aus seiner ihm zugeschickten Bestimmung in einen solchen Bezug zum Dichter der Griechen gestellt war, mag das folgende deutlich machen.


Martin Heidegger (GA 53) Hölderlins Hymne »Der Ister«

GA 53